Mit dem Bus auf der Panamericana nach Norden

Von Nord-Chile gibt es keine direkten Flüge nach Peru, immer muss man nach Santiago und von dort nach Lima. Auch um 1000e Kilometer Hin und Herfliegen zu vermeiden, fahren wir mit dem Bus ca. 1500 Kilometer in drei Tagen von Calama über Iquique, Arica, Tacna nach Arequipa, der größten Stadt im Süden Perus.

Tag 1: von Calama nach Iquique
Die Fahrt durch die Atacama Wüste geht über Maria Elena hinab nach Tocopilla und dann entlang der Pazifikküste nach Norden bis Iquique. Wir kommen durch Orte, die an Trostlosigkeit nicht zu überbieten sind, ehemals prosperierende Salpeter-Minen sind längst geschlossen und die Industrieanlagen verrosten vor sich hin, gespenstisch. Aber auch entlang der Küste auf der berühmten Straße Nr. 1, der Panamericana, passieren wir gottverlassene Wellblech-Hüttenansammlungen, ohne jeden Baum oder Strauch. Die Küstengebirge sind eine großartige Kulisse, aber sobald Menschen zugange sind, ist die Wüste voller verwehter Müllhaufen aus Plastikflaschen, Bauschutt und anderer abgekippter Konsumgüter, ein trauriges Bild.

Umso angenehmer sind wir überrascht von dem quirligen Leben in Iquique. Entlang einer Fußgängerzone sind fast alle der alten Holzhäuser restauriert und einige Bars und Restaurants laden mit Tischen im Freien zur Einkehr. Die sonst üblichen Modeketten mit ihrem ewig gleichen Einerlei fehlen völlig. Der Hafen, ein paar hundert Meter weiter, beheimatet eine ansehnliche Flotte von bunten Fischkuttern und als besondere Attraktion richtig fette und ebenso faule Seelöwen, die sich auf einer schwimmenden Plattform sonnen oder im Wasser auf die Fütterung durch die Fischer warten. Erstaunlich, wie selbst die allerfettesten einigermaßen elegant aus dem Wasser herauskommen.

Tag 2: Von Iquique nach Tacna in Peru
Wir hatten ein wunderschönes Hotel in einem alten, aber von einem genialen Architekten perfekt renovierten Haus mit einem integrierten Anbau und Innenhof, zu dem das Zimmer gelegen war. Kommt in die Top 10.
Iquique liegt auf einem schmalen Streifen am Meer, hinter dem sich das Küstengebirge und eine riesige Sanddüne erhebt. Der weitere Weg nach Arica, wieder mit Turbus, geht zunächst an dem Berghang hinter der Düne 1000m hinauf auf die Hochebene. Die Ödnis der Wüste hier ist gegenüber der Küstenstraße gestern noch mal gesteigert, auch trifft man selten auf Gegenverkehr, ein paar LKW und Busse, fast keine PKW. Manchmal zweigen Straßen rechts oder links ins Nichts ab, dann steht da ein Wartehäuschen, so einsam wie das Gestell von Apollo 11 auf dem Mond. Bedrückend sind die, nach schweren Unfällen, liegengelassenen Wracks und die vielen Kreuze an der Straße, die oft wie Grabstätten auf einem Friedhof gestaltet sind.
Auf der Strecke nach Arica müssen zwei Flusstäler überquert werden. Das klingt erstmal banal, bedeutet aber, dass jeweils über 1000m Höhenunterschied von der Hochebene zur Brücke und wieder hinauf zu überwinden sind. Wir haben (mit Absicht) die vordersten Plätze im oberen Stock direkt an der Frontscheibe gebucht. Von hier hat man natürlich eine tolle Sicht, fühlt sich aber bei der Fahrt hinab in diese gigantischen Canyons doch ein wenig ungemütlich, geht es doch hinter der Leitplanke hunderte Meter steil abwärts ohne jeden Halt. Die Kreuze stehen hier auch deutlich dichter…
In Arica müssen wir vom Bus in ein Sammeltaxi umsteigen und werden, von dem peruanischen Fahrer betreut, über die Grenze nach Peru, in die nächste größere Stadt, Tacna, gebracht. Aus- und Einreise ist unkompliziert, wir müssen aber einen Zettel zur Dokumentation unserer Reiseroute ausfüllen, das Coronavirus ist auch hier angekommen.
In Tacna geraten wir am Abend in die Fänge des fürsorglichen, aber auch geschäftstüchtigen René, der das Restaurant ‚Inca‘ betreibt und seinen Status auf Facebook gerne mit den zwei einzigen Gästen (noch dazu aus Deutschland!) anheben will. Das Essen ist vorzüglich, Alpaca, Lamm und Kalbfleisch auf einem Lavastein gebraten. Dazu gibt es ein, aus Quinoa hergestelltes Getränk.
Unser Hotel in Tacna heißt übrigens ganz passend ‚Mama Mia‘ und bietet Aussicht auf reichlich Wellblech, Müll und unverputzte Ziegelmauern…

Tag3: Von Tacna nach Arequipa
Der öffentliche Raum in Tacna ist deutlich von mehr Armut geprägt – schon auf dem Weg von der Grenze in die Stadt sieht man kahle Sandhügel, die mit Zelten und winzigen Häusern aus Betonsteinen bebaut sind – sicher ohne Wasser, Strom, etc.
Weil es in Tacna für uns nichts mehr zu tun gibt, fahren wir schon eine Stunde früher als nötig zum Busbahnhof. Keine schlechte Idee, denn der gebuchte Bus von Oltursa ist kaputt und wir werden im letzten Moment auf den Bus einer anderen Gesellschaft umgebucht, bekommen noch 21 Soles zurück und sitzen kurz darauf wieder in der ersten Reihe oben. Leider sind dir Fenster mit Folie zugeklebt und so bleibt nicht viel von der Aussicht, die sich aber von den Vortagen kaum unterscheidet. Lange 6 Stunden dauert die Fahrt ohne nennenswerter Pause, auch werden wir noch von Filmvorführungen belästigt, deren Tonspur durch die Buslautsprecher dröhnt. Hier in Peru ist sehr viel mehr Verkehr und der Fahrer oft und lange auf der linken Spur unterwegs. Als es dämmert haben wir immer noch 100 Km vor uns. Das Busterminal von Arequipa ist ein einziges hektisches Gewusel von hunderten Reisenden, Straßenverkäufern und Personal der Busgesellschaften, aber wir kommen heil hindurch in ein Taxi, das uns zum Hotel in die Innenstadt bringt. Nu is gut mit Busfahren!
Das Hotel Los Tambos ist sehr zentral, nahe des Hauptplatzes mit der Kathedrale gelegen und ein sehr angenehmer und ruhiger Ort, ein Quantensprung nach oben verglichen mit gestern. Das uns empfohlene Restaurant Chicha ist ein Erlebnis für sich, ein einladender Patio mit schön gedeckten Tischen und mehr aufmerksamen Obern als Gästen. Es gab als Vorspeise eine gefüllte Paprika und dann ein zart rosa gebratenes Alpaca Steak und knusprig gebratene Meerschweinchen Filetstreifen. Unglaublich lecker – das Restaurant gehört Gastón Acurio, dem besten und berühmtesten Koch Perus.
Es sind diese Wechselbäder von ‚very local‘ zu unerwartetem Luxus, die das Rucksack-Reisen anstrengend aber eben auch so spannend machen.

Valle Arco Iris – das Tal des Regenbogens

Juan, unser Gastgeber in San Pedro, hat eine Liste mit Vorschlägen für 5 Tage Atacama ausgearbeitet, der letzte Punkt für den 5. Tag war die Besichtigung des Valle Arco Iris, welches bei der Rückfahrt nach Calama fast am Weg liegt.
Aber er hat nicht nur Programmvorschläge gemacht, sondern uns auch viele Einblicke in das Leben in San Pedro gewährt. Er ist Mitglied im Gemeinderat und hat von seinem Kampf gegen die unkontrollierte Ausbeutung der Bodenschätze berichtet. Er ist stolz darauf, der chilenischen Regierung die Stirn geboten zu haben und das Geysirfeld El Tatio u.a. mit Straßensperren vor der Zerstörung durch geothermale Bohrungen gerettet zu haben.
70% der weltweiten Lithium Vorkommen liegen in dem Drei-Länder Eck Bolivien, Argentinien und Chile. Das weckt natürlich große Begehrlichkeiten und die Regierungen vergeben Lizenzen ohne hinreichende Auflagen und entsprechend rabiat gehen die Konzerne bei der Ausbeutung vor. Der Abbau benötigt große Mengen Süßwasser und der Grundwasserspiegel in der Oase San Pedro ist bereits von 4 auf 40 m abgesunken.
Das Regenbogental wird wohl von den Tourveranstaltern nicht angeboten, sonst wären wir nicht praktisch alleine in dieser großartigen Landschaft, die keinen Vergleich mit den berühmten Canyons der US amerikanischen Nationalparks scheuen muss. Besonders imposant ist das Wechselspiel zwischen grünen (Kupfer) und roten Lehmschichten und die ausgewaschenen Schluchten. Aber auch schwarz, weiß und violette Tönungen kommen vor. Alles ist ziemlich lose und bei Regen sicherlich sehr instabil, aber wann regnet es hier schon? Obwohl auf 3000 m gelegen, ist es am frühen Nachmittag richtig heiß. Ein paar Lamas stehen am Weg und glotzen mit gespitzen Ohren. Der Rio Grande führt etwas Wasser und so ist auch die Fahrt hinein bis zu dem Seitental Arco Iris ein Spaß, denn der Fluss ist mehrfach zu durchqueren. Die Piste hinein in das Tal ist wie gemacht für einen robusten 4×4 Wagen, den wir leider am Abend in Calama wieder abgeben müssen, denn mit dem Bus geht es am nächsten Tage weiter nach Iquique.

Die unglaublichen Farben der Atacama

Von San Pedro führen zwei Passstraßen nach Argentinien, eine über den Passo Sico und eine über den Passo Jama, beide auf Höhen knapp unter 5000m. Entlang dieser Routen liegen geologische Wunder. Einerseits sind es die zahlreichen Vulkane, die farbenprächtige Mineralien hervorbringen, andererseits liegen in den abflusslosen Hochebenen große und kleine bunte Salzseen und dazu kommen die grün gelben Steppengräser, die sich bis in 5000m Höhe hinaufziehen. Besonders auf dem Weg zum Passo Sico waren hinter jeder Kurve noch unglaublichere Panoramen zu bestaunen. Am Weg liegen zwei Dörfer, Toconao und Socaire, die einen eher tristen Eindruck hinterlassen. Wovon kann man hier in der Wüste seinen Lebensunterhalt bestreiten? Vielleicht von der kostbaren Wolle der Vicunjas, die zwar wild leben, aber gelegentlich zum Scheren eingefangen werden.

Eine weitere Attraktion ist das Valle de la Luna, nicht weit von San Pedro entfernt. Besonders in der Abendstimmung rund um den Sonnenuntergang färben sich die Felsen und Sanddünen wie mit Fotoshop behandelt.

Cerro Toco – unser erster Fünftausender

Den Vulkan haben wir seit Tagen vor der Nase, er sieht unspektakulär aus und macht eher den Eindruck eines etwas größeren Maulwurfshügels, aber Entfernungen und Dimensionen sind in der klaren, trockenen Luft der Wüste unglaublich schwer einzuschätzen. Der Cerro Toco ist 5604 m hoch und das ist dann die eigentliche Herausforderung, in dieser Höhe hat sich der Luftdruck (und damit der Sauerstoff) gegenüber der Meereshöhe genau halbiert. Da unterhalb seines Gipfels auf 5250m ein Radioteleskop errichtet wurde, kann man bis dahin mit dem Auto fahren, was die zu bezwingende Höhe bei der Besteigung auf mickrige 350 m schrumpft. Von San Pedro sind es knapp 50 Km in denen man 3000 m hinauf fährt. Auf dem Parkplatz angekommen, geht jetzt besser alles ganz laangsam, schon das Schuhebinden führt zu völliger Erschöpfung. Bei strahlendem Sonnenschein ist es zwar nicht kalt, aber der Wind kann einen hier oben schnell auskühlen und so ziehen wir uns doch warm an und dann geht es auf dem gut sichtbaren Pfad himmelwärts. Ein paar kleine Gruppen sind vor uns auf dem Weg, verlaufen kann man sich nicht. Bewusst langsam, ein Atemzug pro Schritt, kommen wir doch besser voran, als ich es erwartet hätte. Der Puls ist hoch, beruhigt sich aber bei Pausen in kürzester Zeit – das Gehen bergan ist auch nicht wirklich anstrengend, kein Schwitzen nur schnaufen, schnaufen, schnaufen. Susi ist zwar schwindelig, aber nicht so schlimm, dass wir abbrechen müssten. Nach genau einer halben Stunde verordnen wir uns eine Pause von 15 min und in einer weiteren halben Stunde sind wir oben und haben dabei noch eine geführte Gruppe junger Leute überholt. Den Gipfel erreicht zu haben und der Blick über die Anden sind ergreifend, es verschlägt uns die Sprache und es ist nicht der Sauerstoffmangel oder das Delirium der Höhenkrankheit!
Nach langer Rast ist der Abstieg durch das lose Vulkangeröll ein Klacks, das Ausziehen der warmen Sachen ist dagegen schon wieder Anlass zum Hyperventilieren. Auch das Auto pfeift aus dem letzten Loch und schafft es nicht mehr rückwärts aus der Parklücke, zum Glück liegen vorne keine großen Brocken so holpern wir in einem Bogen zurück auf die Piste und bald über die asphaltierte, fast schnurgerade Passstraße 2000m steil bergab zurück nach San Pedro. Ein ausgebranntes Buswrack und zahlreiche Notwege raten zu maßvollem Tempo und permanenter Verwendung der Motorbremse. Unten ist es unerträglich heiß….

El Tatio – Die höchsten Geysire der Welt

Diese Attraktion, die jeder Atacama Besucher absolvieren muss, erreicht man nach 90 Km Schotterpiste auf einer Höhe von 4300 m. Nicht genug damit, man muss auch noch spätestens um 5 Uhr morgens losfahren, denn die eindrucksvollen Dampfwolken entstehen nur in der klirrenden Kälte am frühen Morgen. Dutzende Reisebüros bieten diese Tour an und tatsächlich quälen sich ebenso viele Minibusse die staubig steile Piste durch die Nacht. Außer den Lichtern der Autos sieht man nichts, aber immerhin weiß man sich auf der richtigen Strecke. Nach fast zwei Stunden sind wir an der Zahlstelle angekommen, dichter Nebel, grelle Lampen in der immer noch stockdunklen Nacht und das hektische Treiben machen den Eindruck, als würden wir hier in ein Raumschiff verladen werden. Dazu kommt die eigene Benommenheit wegen der Höhe und der Kälte. Aber das Personal ist gut geschult und gibt knappe, klare Anweisungen und so sind wir schnell abgefertigt und die letzten 2 Kilometer zum Parkplatz sind dann in der Kolonne der Busse auch nicht zu verfehlen. Hinter den Bergen dämmert es langsam als wir uns in alle wärmenden Sachen die wir besitzen eingepackt auf den Weg machen, das große Areal zu erkunden. Die Wege zwischen den Geysiren sind mit rot bemalten Steinen eingefasst, der Untergrund ist labil und ein Fehltritt lebensgefährlich. Die vielen Reisegruppen werden mit der Zeit weniger und bald nach dem ersehnten Sonnenaufgang sind wir praktisch alleine. Jetzt erst glitzern die Tropfen der Ausbrüche wie ein Feuerwerk und jeder einzelne zieht eine kleine Dampfwolke hinter sich her. Ein wundervolles Schauspiel!
Als kleines Gimmick kann man in ein Schwimmbad steigen, welches von ein paar heißen Quellen gespeist wird. Nur an den Zuflüssen ist es, sofern man das brühend heiße Wasser ein wenig umrührt, angenehm warm und die Aussicht auf die frisch überzuckerten Andengipfel perfektioniert das Badeerlebnis – aber auch nur, weil die Busladungen jetzt schon längst wieder auf dem Rückweg sind und wir das Bad ganz für uns alleine haben.

Die Rückfahrt nach San Pedro bei Tageslicht birgt eine Überraschung nach der anderen, wir kommen durch erhabene Landschaften, vorbei an mächtigen Vulkanen, Hochebenen mit den wolligen Vicunjas, Sumpfgebiete mit vielen Vögeln (die man in der Wüste wirklich nicht erwartet), Canyons mit riesigen Kakteen und machen unterwegs noch Halt in dem kleinen Dorf Machuca. Vor dem einzigen Gasthaus schmoren lecker marinierte Spieße auf einem Holzkohlegrill. Erst am Nachmittag sind wir zurück in San Pedro und brauchen für diesen Tag wirklich kein weiteres Programm!

Salz bis zum Horizont: Salar de Atacama

In dem riesigen, fast ebenen Salzsee, 4 mal so groß wie der Bodensee, sind nur eine Handvoll Lagunas darin verstreut, die tatsächlich ‚Wasser‘ enthalten und besucht werden können. Jede Laguna hat ihre Besonderheiten, die Laguna Cejar ist, wie die meisten anderen auch extrem salzhaltig und Baden ist erlaubt, aber teuer. Den Spaß lässt sich trotzdem kaum ein Besucher hier entgehen und es ist wirklich einmalig, so an der Oberfläche des türkis schimmernden Salzwassers zu treiben. Zum Glück gibt es Duschen, denn auf dem Weg vom See zu den Umkleiden entwickelt sich schon ein weißer Salzmantel auf der Haut. In dem See nebenan stochern ein paar Flamingos in Schlamm und man fragt sich, was um alles in der Welt hier Fressbares enthalten sein könnte. Ein paar Kilometer weiter sind zwei kreisrunde Wasserlöcher, die wohl artesische Brunnen sind, die aus den Bergen gespeist werden und hier gedeihen einige Wasserpflanzen. Der nächste See, Laguna Tebinquinche, ist kitschig blau und am Rande von blendend weißen Salzablagerungen eingefasst. Hier wachsen ‚Salzpilze‘ in der eingedickten Salzlake, aber die Flamingos finden immer noch was. Eine Besonderheit hier ist das Vorkommen von urzeitlichen Bakterien, die sowohl die hohe Salzkonzentration als auch die starke UV Strahlung tolerieren. Diese Lebensformen existieren nur an ganz wenigen extremen Orten in der Welt, obwohl sie vor über 3 Milliarden Jahren das Leben auf der jungen Erde in Abwesenheit von Sauerstoff und schützender Ozonschicht überhaupt erst möglich gemacht haben. Der Sonnenuntergang taucht die Landschaft in unglaublich intensive Farben: ockerfarbene Ebenen aus Salzkristallen wechseln sich mit grasgrünen und gelben Streifen ab, in denen noch etwas gedeiht. Die Berge und die Wolken darüber leuchten orange und spiegeln sich in dem türkis des Wassers. Langsam geht das Licht zurück und es bleibt ein flammender Rand am westlichen Horizont der Berge, die den Salar de Atacama begrenzen. Im Dunkeln geht es über die staubige Piste zurück.

Atacama – echt atemberaubend

San Pedro de Atacama ist die Drehscheibe des Tourismus in der Region, es liegt am Rande des Salar de Atacama auf 2400 m Höhe. Da steigen Puls und Atemfrequenz spürbar an. Nach ein paar Tagen würde sich das normalisieren, wären nicht fast alle der ausnahmslos spektakulären Naturwunder zwischen 4000 und 6000 m hoch gelegen. Diesmal kein Pech mit dem Mietauto: Einen nagelneuen 4×4 Pickup bekommen, genügsam, gutmütig und bestens für die rauen Bedingungen in der Wüste geeignet. Eine Woche haben wir uns vorgenommen, hier zu bleiben und schrauben die Höhe, in die wir vordringen, täglich nach oben.
Unsere Unterkunft liegt außerhalb des Ortes, einsam und ruhig. Es sind traditionell, im Adobe Stil errichtete niedrige Häuser, deren Dächer nur aus Lehm und Stroh bestehen – es regnet halt doch nicht so viel in der Wüste. Die Räume gleichen die krassen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht hervorragend aus. Die Sicht auf die Kette der Vulkane, alle zwischen 5000 und 6000 m hoch ist gigantisch, besonders am frühen Morgen, bevor die Sonne aufgeht. Nachts ist der Sternenhimmel beeindruckend, aber auch hier greift die Lichtverschmutzung um sich.

San Pedro ist ein lebhaftes Städtchen, im Zentrum ebenso mit hübschen, einstöckigen Lehmbauten aber 70% aller Geschäfte sind Reisebüros, dazwischen muss man die Restaurants schon suchen… Es gibt ein paar Perlen darunter, aber auch die anderen, die es nicht mehr nötig haben, sich um ihre Gäste zu bemühen. Nach einem langen Tag lassen wir uns erschöpft an einem kleinen Tisch im Innenhof fallen und bestellen ein Wasser und einen Pisco Sour als Aperitif während wir die Speisekarte studieren. Der Ober macht Witze und bringt uns den Pisco nicht, denn wir hätten ja noch nichts Festes im Magen. Dann erklärt uns jemand vom Nachbartisch, dass das ernst gemeint war! Tatsächlich scheint es eine Vorgabe des Bürgermeisters zu geben, dass Alkohol nur zusammen mit einer Essensbestellung ausgeschenkt werden darf. Zwei Scheiben Brot aus dem Körbchen gegessen, dass auf jedem Tisch steht und der Ober ist zufriedengestellt und wir beherrschen uns mühsam, nach zwei Schluck Pisco nicht grölend zum Tresen zu torkeln und mehr zu verlangen.

Riesenparty geschenkt bekommen

Der Capitan Luis auf der Skorpios III gab sich die Ehre und uns ein Gala-Diner. Wolf, aus Perth, hat seinen 75. Geburtstag gefeiert und saß auch noch an unserem Tisch – da haben wir dann ein gemeinsames Geburtstagsständchen aller Passagiere bekommen.
Das Essen war super lecker und nachdem alle propesatt waren, wurden die Buffettische weggeräumt und der Speisesaal in eine Tanzfläche verwandelt. Bis um Mitternacht wurde getanzt, besonders eifrig und gekonnt natürlich die Chilenen und Mexikaner.

‚Wir hätten erschossen gehört‘

Die Kreuzfahrt mit dem Expeditionsschiff Skorpios III zu den Gletschern des Campo Hielo del Sur.

‚Wir hätten erschossen gehört‘, wenn wir uns dieses Abenteuer nicht gegönnt hätten. Zuerst war Susi erschrocken, wie klein das Schiff ist. Aber es hatte genau die richtige Größe für diese Fahrt, groß genug, um ruhig im Wasser zu liegen und sich nahe an die Gletscher heran wagen zu können, aber klein genug um in den engen Fjorden Patagoniens zu manövrieren. Mit nur 53 Passagieren war das Schiff halb voll und daher überall viel Platz, keine Wartezeiten und die 34 Mann Besatzung haben uns auf das vortrefflichste betreut und verköstigt. Jeder Superlativ ist da gerechtfertigt. Wir hatten eine ungemein großzügige Kabine mit drei Fenstern und 4 Betten, schön warm und gemütlich, zentral gelegen und mit einem perfekten Bad. Jederzeit konnten wir auch den Kapitän auf der Brücke besuchen sowie in 2 Bars frisch flambierten Irish Coffee, Pisco Sour, heiße Schokolade, etc. nachtanken.

Die Landschaft rund um das Campo Hielo mit den verwinkelten Fjorden und die zahlreichen gigantischen Gletscher (nach der Antarktis und Grönland das drittgrößte Eisfeld der Welt), die wir besucht haben, waren (zumindest für mich) der bisherige Höhepunkt der Weltreise.
Die Bilder zeigen den Amalia Gletscher, der mit einer 2 Kilometer breiten Eiswand in den Fjord mündet. Ständig kracht es irgendwo und es fallen gewaltige Brocken ins Meer, die oft große, aber flache Wellen aussenden. Der Gletscher mit seinen unzähligen Formen, Figuren, Farben und seiner absoluten Reinheit hat uns gefesselt, derartige Abgeschiedenheit und Unberührtheit haben wir so noch nicht erlebt.

Das Wetter war erst wechselhaft, dann hat es meistens geregnet, nur während des Mittagessens schien regelmäßig die Sonne. Aber erstaunlicherweise hatte das keinen Einfluss auf das Programm und das Erlebte, denn im Schiff war es immer warm und trocken. Aber hier kamen tatsächlich alle unsere warmen und wasserdichten Sachen gleichzeitig zum Einsatz. Außerdem besteht Patagonien sowieso zu 90% aus Wasser, da war die neblig trübe Stimmung sehr authentisch und ließ die Gletscher noch mehr wie aus einer versunkenen eiszeitlichen Welt erscheinen.

Die Skorpios hat einige kleinere Boote mit Außenbordern am Heck gelagert, die für die insgesamt 6 Ausflüge und Landgänge mit einem Kran zu Wasser gelassen werden. Alle Passagiere bekommen eine Schwimmweste vor dem Ausstieg, dann geht die Fahrt in die Buchten durch die schwimmenden Eisbrocken dichter heran an die Gletscher oder zu den vorbereiteten Ausstiegsstellen.

Einer der Fjorde war für die Skorpios zu flach, da lag dann, in einer Bucht gut versteckt, der kleine Eisbrecher Capitan Constantino bereit, mit dem wir dann durch eine Brühe aus Eisbrocken und -bergen dicht an die Abbruchkante der Gletscher bugsiert wurden. Zur Krönung wurde ein Whiskey 12/30000 serviert (12 Jahre der Scotch, 30000 das Eis).

Den Gletscher Alsina haben wir auf einem Landgang nach einem kurzen Spazierweg über die Muräne aus nächster Nähe besucht. Die vom Gletscher transportierten Steine hatten unglaublich farbige Mineralien eingeschlossen

Die Besatzung war sehr umsichtig mit den (zum Teil schon sehr betagten) Passagieren und belegte z.B. glatte Felsen mit Gummimatten. Weniger fürsorglich erschien uns der Umgang mit dem Schiff, das der Kapitän scheinbar mehrfach ‚in den Sand gesetzt hat‘, jedenfalls so dicht ans Ufer, dass man Sorge hatte, es könnte stecken bleiben. Aber der Kapitän ist zusammen mit seinen 6 Geschwistern Eigentümer des Schiffs, geerbt von seinem Vater, der es 1995 hat bauen lassen. Der Großvater kam aus Griechenland und hat Skorpios gegründet, eine faszinierende Geschichte, die im Speisesaal in Bildern lebendig gehalten wird und heute eine Aura liebevoller, familiärer Fürsorge über das Schiff legt. Jorge, der schon etwas vergesslich, aber überaus herzlich serviert hat und der lustige Schiffsclown und Übersetzer Armando werden uns besonders in Erinnerung bleiben.

Was für ein Geschenk, dass wir für diese Kreuzfahrt drei Tage vorher noch dieses Last Minute Ticket bekommen haben!

Eisberge und Puma am Cerro del Paine

Am zweiten Tag wollten wir eine 8 stündige Wanderung in die Berge dicht an die Torres unternehmen, aber die zweifelhaften Wetteraussichten haben uns umgestimmt und so sind wir zu der Laguna Grey gefahren, in die der Grey Gletscher mündet. Die Landschaft hier ist völlig anders als auf der anderen Seite des Paine Massivs. Hier wachsen dichte Wälder (sofern sie nicht einem Waldbrand zum Opfer gefallen sind) und die zahlreichen Seen und Flüsse erinnern eher an die Rocky Mountains. Auch hier: Vollkommen unberührte Natur soweit das Auge reicht. Am Ende der einsamen Schotterstrecke deutet aber ein voll besetzter Parkplatz an, dass hier eine Attraktion sein muss. Jenseits einer schwächelnden Hängebrücke gelangt man über eine große Schotterebene an das Ufer des Sees, auf dem etliche krass blaue Eisberge in der trüben Brühe gestrandet sind. Der Sturm treibt uns über den Schotter voran in Richtung einer felsigen Insel, auf der ein Rundweg zu einem Aussichtspunkt auf den noch 14 Km entfernten Gray-Gletscher führt. Auf dem Wanderpfad durch dichtes Strauchwerk und niedrige Südbuchen kommen wir an eine kleine Brücke über einen versumpften Tümpel, als es Susi schlagartig die Sprache so verschlägt, dass sie sich nur noch festhalten kann und ‚Puma‘ japst. Es ist wie im Zoo, wenn plötzlich die Scheibe weg wäre, das sind keine 5 Meter mehr und er ist ziemlich groß. Leider hält er nicht lange still für das Portraitfoto sondern streicht ein wenig durch die Büsche, bis er feststellt, dass der Wanderweg doch bequemer zu begehen ist, wählt dabei aber die – aus unserer Sicht – falsche Richtung und es wird nur Sekunden dauern, bis er um die Kurve kommt und direkt vor uns steht. Mit einem beherzten ‚Hey‘ trollt er sich aber zum Glück wieder in die Büsche, abseits vom Weg. Ein doppeltes Glück: Puma gesehen und noch am Leben! Der später befragte Parkranger zuckt nur mit den Achseln, ja die gibt’s hier schon…

Nach kurzer Kaffeepause fahren wir weiter um den Gebirgsstock des Cerro del Paine, der eine sehr fotogene Schichtung aus rötlichem Granit und darüber liegenden schwarzen Sedimenten aufweist. Ein kurzer Marsch führt zu einem tosenden Wasserfall des Paine Fluss (100 m³/s) und auf der weiteren Fahrt kommen wir noch an vielen malerischen Seen, mit Enten, Gänsen und Flamingos vorbei. Rätselhaft, was sie in dieser kalten, milchigen Brühe zum Fressen finden.

Auf der Rückfahrt durch die Pampa und Schafsweiden sehen wir heute zahlreiche Darwin-Nandus, wo haben die sich gestern versteckt? Auch die lassen sich von den Gaffern nicht beirren und fressen am Straßenrand von den staubigen Pflanzen.

In diesen zwei faszinierenden Tagen im Torres del Paine Nationalpark sind wir 550 Km gefahren, man sieht hier nicht nur weit, es ist auch weit!