Radfahren wie zu Großvaters Zeiten

Absolut futuristisch, technisch perfekt ist das Bahnfahren in Japan – Radfahren und Fahrräder sind dagegen sowas von altbacken, ineffizient, lächerlich, dass man sich eher in Laos, denn in einer der führenden High-Tech Nationen der Welt wähnt. Ist nicht Shimano ein technologischer Vorreiter und Hersteller qualitativ hochwertiger Komponenten? Wo ist Shimano?? Was wir hier sehen, sind Räder die wir selber zu Schulzeiten gefahren haben, klassisches 70er Jahre Design (mit Seitenzug-Felgenbremsen und vielleicht sogar 5-Gang Schaltung) oder Hollandräder (teilweise schon mit E-Antrieb). Praktisch alle Räder sind falsch eingestellt, die Japaner sitzen wie der Aff auf dem Schleifstein, Knie an der Brust, Ellbogen mindestens 90° angewinkelt auf dem immer gleichen Satteltyp, 1 Kg Schaumpolsterung, und haben sichtlich Mühe, Fußgänger abzuhängen. Die Infrastruktur ist von gleicher Güte wie die Räder, keine oder nur bruchstückhaft angedeutete Radwege, fast keine Abstellplätze, etc. Dafür fahren die Radler gerne munter auf den Fußwegen, in unelegantem Slalom durch die Menge.

Gut, das war jetzt vielleicht etwas polemisch, aber nur ein bisschen… Immerhin, später in einem Fahrradgeschäft sehe ich, dass diese Räder neu für 8.900 Yen, also 75 € verkauft werden, da kann man nicht mehr erwarten.

Japanische Gärten

Die Gärten in Japan sind von besonderem Zauber. Die strengen Zen Gärten sind nur mit Kies und Felsen gestaltet, Pflanzen treten in den Hintergrund. Der ebene, schön gefurchte Kies symbolisiert das Meer mit seinen Wellen, aus denen sich Fels-Inseln erheben, wie eine ‚Bonsai-Welt‘. Ein besonderes Beispiel ist der Garten des Kongobu-Ji Tempels, Teil des ältesten Klosters in dem bedeutendem Wallfahrtsort Koyasan in den Bergen südlich von Osaka:

Kongobu-Ji in Koyasan
Garten in Matsushima

Eine andere Form der japanischen Gärten setzt auf Wasser und Moos als gestaltendes Element. Bäume, meist Kiefern, Zedern oder Zypressen werden stark geformt als Solitäre platziert. Natürlich darf auch der kleinblättrige Ahorn nicht fehlen. In den Teichen tummeln sich Koi Karpfen und den Hintergrund bildet oft ein dichter Wald um den Garten abzuschirmen und als in sich abgeschlossene Welt erscheinen zu lassen. Oft bildet das Zentrum des Gartens ein Teehaus oder ein Tempel.

Diese Gärten werden intensiv gepflegt, besonders die Bäume werden aufwändig in die gewünschte (krumme) Form gebracht und müssen regelmäßig zum Nadelschneiden.

Kobe Beef

Sorry, es geht schon wieder ums Essen, ist halt ein gewichtiger Aspekt eines Japan-Besuchs. Ort der Handlung: Ein winziges Restaurant in der schmalen Seitengasse Ponto-cho, irgendwo in Kyoto.

Das teuerste Rindfleisch der Welt. Ein 200 gr Steak (Sirloin) kostete in diesem Restaurant, in welchem wir heute diniert haben 33.000 Yen oder ca. 280 €. Im Kühlschrank lagern ungeheure Reichtümer, ganze kilo-schwere Brocken. Vermutlich zahlt der Schlachthof für so ein Rind 6-stellige Beträge. Da sind wir dann auf das ‚günstige‘ Wagyu Rind ausgewichen… Aber auch dieses Fleisch bestellt man besser nur in Sushi-ähnlichen Scheibchen und grillt es dann selber auf seinem eignen kleinen Gasgrill (der auch noch den Vorteil hat, der Klimaanlage ihre Grenzen aufzuzeigen) an der Küchentheke. Zuvor erfolgt die Unterweisung durch den Koch, der ja eigentlich ’nur‘ Metzger ist. Es gibt wahrscheinlich 20 verschiedene benannte Stücke vom Rind in dem Bestellsystem mit Touchscreen an jedem Platz, aber nur 1/3 davon war heute vorrätig, was aber mehr als ausreicht. Jeder Schnipsel Fleisch kommt mit einem Namensschild (nicht wie das Rind hieß, sondern das Fleisch). Die Qualität ist tatsächlich wie von einem anderen Stern, das Fleisch ist feinst marmoriert mit durchaus ordentlichem Fettgehalt, dafür aber so zart, dass man es mit den Stäbchen zerteilen kann. Fazit: Am besten isst man sich vor Besuch eines Steakhauses schon mal satt und lässt sich dann dort die köstlichen Stückchen zum Nachtisch auf der Zunge zergehen. Ein kulinarisches Erlebnis, da schaut selbst der Franzose alt aus.

Kimono-Hype

Besonders in Kyoto aber nicht nur dort sieht man viele Frauen und manche (dazu verdammte?) Ehemänner in Kimonos mit entsprechenden Pantoffeln herumstolzieren. Keineswegs, so versicherte uns eine perfekt Deutsch sprechender Kyote, handele es sich um Japanerinnen, sondern vielmehr fast ausschließlich um chinesische Touristinnen, die sich aus den Verleihshops in den Souveniergassen bedienen würden. Mindestens ein (deutsches?) Paar hatte sich ebenfalls in einem solchen Kleidungsjuwel verfangen und jeglichen Chic durch die üppige Leibesfülle ruiniert, es passt halt nicht ganz so universell wie ein Dirndl, welches sich ja für die Wiesn auch zum Touristen-Standard entwickelt hat. Der Ablauf des Kimonospektakels wiederholt sich alle paar Trippelschritte auf dem Weg zum Tempel in den 4 Stufen: Posieren, Selfieren, Postieren und Warten auf die Liker.

Restaurant (be-)suche

Oft sind die besten Restaurants in den riesigen (unterirdischen) Bahnhofskomplexen und daran zu erkennen, dass sich mehr oder weniger lange Schlangen davor bilden. Es gibt nicht überall englische Speisekarten bzw. Aushänge, dafür aber oft Bilder oder Plastikvarianten der Gerichte im Schaufenster. Die Bilder wollen einem weis machen, dass man von dem abgebildeten satt würde – weit gefehlt. Japan hat eine große Bonsai-Tradition, nicht nur bei Bäumen auch beim Kochen! Daher tun wir gut daran, gleich mal 4-5 Gerichte zu bestellen. Bei Grünzeug (Gemüse, Salat, Obst) hat man sich in Japan Samuel Hahnemann, dem Erfinder der Homöopathie, zum Vorbild genommen – die Potenzierung des Nichts wird auch beim Preis konsequent durchgehalten. Nichtsdestotrotz gibt es zahlreiche sehr leckere Gerichte und natürlich ist Sushi immer eine sichere Bank. Besonders wenn es am Band daher kommt, löst sich das Problem mit dem Satt-Werden bzw. verschiebt sich an die Kasse. Günstig und gut sind die Ramen Suppen mit viel Reisnudeln, eine der wenigen Quellen für Kohlehydrate in Japan. Angenehm ist übrigens auch, dass grundsätzlich für nix Trinkgeld erwartet wird, da kann man dann auch nichts falsch machen. Beim Verlassen des Restaurants, welches in den meist offenen Küchen von jedem Angestellten bemerkt wird, schallt es einem ein vielstimmiges und vielfach wiederholtes ‚Arigatō gozaimasu ‚ (vielen Dank) unter tiefen Verbeugungen hinterher, man fühlt sich tatsächlich geehrt ob der Aufmerksamkeit, eine der schönen Traditionen in Japan.

Running Sushi im Bahnhof von Kyoto: Nur durch geduldiges Schlange-Stehen vor der Tür sind die begehrten Plätze zu ergattern.

Einkaufen

Man muss sagen, es gibt auch einiges was nervt. Gut, man kann nicht erwarten, dass die Japaner ihr kunstvolles Gekritzel durch schnöde Buchstaben ersetzen, aber dass Google Translator dabei so vollständig, umfassend, total versagt, die Zeichen zu übersetzen, ist schon überraschend – offenbar ist das Japanische der künstlichen Intelligenz eine Nummer zu groß. Das Problem dabei: Es gibt NICHTS zu kaufen, was nicht bis zur Unkenntlichkeit in mehrere Lagen Plastik eingeschweißt, gewickelt, gefaltet und geklebt ist. Der Inhalt bleibt also dem Leseunkundigen im wahrsten Sinne des Wortes verschlossen. Immerhin gibt es vereinzelt Bananen, Äpfel und Trauben in transparentem Plastik, die kosten dafür aber pro Stück soviel wie bei uns das Kilo. Ein völliges Rätsel bleibt dagegen die Sauberkeit der Straßen und Plätze angesichts dieser Verpackungsorgie und der gleichzeitigen Abwesenheit jeglicher Mülleimer im öffentlichen Raum.

Das absolute Highlight zum Thema Verpackung sind die sehr beliebten und überall erhältlichen Reis-Dreiecks-Snacks (Onigiri). In einer Handvoll Reis befindet sich ein wenig Fisch, Seetang, oder gänzlich undefinierbare Geschmackszutat, eingewickelt in ein Nori-Blatt. Trotz des meist fischigen Inhalts liegt das Haltbarkeitsdatum 4 Jahre in der Zukunft. Völlig ungenießbar für die Japaner wäre es aber schon nach einem Tag, würde sich das knusprige Nori-Blatt mit der Feuchtigkeit des Reisbällchens vollsaugen. Die einzige Lösung liegt in der Vollendung der Verpackungstechnik, die es (wenn man den Aufreissfaden korrekt nutzt) mühelos erlaubt, die Umverpackung gleichzeitig mit der Folie die zwischen Nori-Blatt und Reis liegt in einem Zug wie ein inverses Origami auseinander zu ziehen. Dann bleibt nichts an den Fingern kleben und die Gaumenfreuden werden nur noch von der Bewunderung japanischer Verpackungskünstler getoppt.

Über das Bahnfliegen in Japan

ist ja schon viel gesagt und geschrieben worden, aber es selbst zu erleben, ist doch noch einmal was ganz anderes. Bei > 310 km/h möchte ich mich gerne anschnallen, gibt aber keinen Gurt. Die Ruhe bei dem Tempo ist beeindruckend, den Gegenzug oder die Einfahrt in einen Tunnel spürt man fast nicht.

Video-Schnipsel einer Shinkansen-Fahrt

Alle Züge, von den SuperExpress Shinkansen bis zu den Vorort-Zügen und U-Bahnen, müssen wohl von einer zentralen Atomuhr millisekunden- und millimeter-genau gesteuert werden. Verbunden mit der sprichwörtlichen Disziplin der Fahrgäste scheint es niemals Verspätungen oder gar Ausfälle zu geben. Es gibt ein paar Indizien wie das möglich gemacht wird:

  • Alle Shinkansen Linien fahren auf aufgestelzten Trassen auf die niemals ein Baum fällt oder ein anderer Zug im Weg sein könnte (was allerdings sehr auf Kosten der Ästhetik geht, das liegt den Japanern beim Bauen aber generell nicht sehr am Herzen)
  • Die Bahnhöfe sind 4-gleisig, so dass Express Züge mit vollem Tempo auf den mittleren Gleisen durchbrausen, währen die ’normalen‘ Linien an den Bahnsteigen halten.
  • Die Züge fahren so oft, dass niemand gehetzt und in letzter Sekunde die Tür blockiert, weil die Oma noch gerannt kommt. Man wartet einfach ein paar Minuten und nimmt den nächsten.
  • Jeder hat seine Platzkarte mit der Wagennummer, an der Bahnsteigkante sind die Wagennummer notiert und Wartezonen pro Tür aufgemalt. Jeder stellt sich so hin, dass es beim Einsteigen kein Gedrängel gibt – in 60 Sekunden längstens sind alle draußen und die anderen drin.
  • Die Züge fahren immer vom gleichen Gleis, es gibt keine Verwirrung wo was lang geht (außer dem Linksverkehr…)

Pünktlichkeit ist in Japan anders definiert als bei der Deutschen Bahn (< 6 Minuten Verspätung = pünktlich), das halten < 80% der Züge ein. Beim Shinkansen halten im Schnitt 100% der Züge eine Pünktlichkeit < 60 Sekunden ein (Naturkatastrophen ausgenommen).

Wir haben übrigens einen Japan Rail Pass für drei Wochen (500€), mit dem man das gesamte Netz* der japanischen Staatsbahn befahren darf und kostenlos Plätze im Shinkansen reservieren kann, bei überaus freundlichen Mitarbeitern an den Ticket-Schaltern (die reichlich vorhanden und vollständig besetzt sind). Armes Deutschland, du Service Wüste!

* Nachtrag: Im Westen von Japan gilt der JR Pass nicht für die Nozomi Züge, das wäre ja weiter kein Problem, wenn nicht 9 von 10 Zügen Nozomi Züge sind…. Die fahren z.B. zwischen Osaka und Tokio etwa alle 10 Minuten, die anderen etwa stündlich. Man hat sich halt an das ‚S-Bahn Gefühl‘ gewöhnt und ist jetzt enttäuscht, wenn man länger als eine 1/4 Stunde warten muss.