Manchmal wünsche ich mir, es wäre Sonntag und ich dürfte ruhen, wie es in der Bibel steht. Stattdessen wird TÄGLICH ein neues Programm nicht zur Diskussion gestellt. Gerade in Kyoto gibt es viel zu sehen und ein halbes Jahr ist schnell um, da muss man sich schon sputen. Selten sind wir also schon nach 12 Stunden wieder im Hotel. Dazu muss man wissen, dass es im September in Japan tagsüber immer noch 30° warm wird und die umherziehenden Taifune die Luftfeuchte mühelos über 90% halten. So kann man sich glücklich schätzen, wenn kurze Verbindungsfahrten im klimatisierten Bus mit einem freien Sitzplatz erfolgen können.
Kyoto ist wieder oder immer noch das gleiche Häusermeer, jedoch sind hier ungewöhnlich viele Tempel eingestreut. Typischerweise einige dutzend bis hunderte Meter erhöht, was die 12 Stunden Marsch noch mit mindestens 2000 Treppenstufen aufpeppt. Aber die Aussicht lohnt sich und die Tempel sind nun wirklich sehenswert (finden übrigens auch die anderen 10.000, die aber mit Bussen hergebracht werden).
Kiyomizu-dera Schrein
Fushimi Inari-Taisha
Auch die Gärten, in denen sich die Tempel befinden sind immer sehenswert
Besonders in Kyoto aber nicht nur dort sieht man viele Frauen und manche (dazu verdammte?) Ehemänner in Kimonos mit entsprechenden Pantoffeln herumstolzieren. Keineswegs, so versicherte uns eine perfekt Deutsch sprechender Kyote, handele es sich um Japanerinnen, sondern vielmehr fast ausschließlich um chinesische Touristinnen, die sich aus den Verleihshops in den Souveniergassen bedienen würden. Mindestens ein (deutsches?) Paar hatte sich ebenfalls in einem solchen Kleidungsjuwel verfangen und jeglichen Chic durch die üppige Leibesfülle ruiniert, es passt halt nicht ganz so universell wie ein Dirndl, welches sich ja für die Wiesn auch zum Touristen-Standard entwickelt hat. Der Ablauf des Kimonospektakels wiederholt sich alle paar Trippelschritte auf dem Weg zum Tempel in den 4 Stufen: Posieren, Selfieren, Postieren und Warten auf die Liker.
Oft sind die besten Restaurants in den riesigen (unterirdischen) Bahnhofskomplexen und daran zu erkennen, dass sich mehr oder weniger lange Schlangen davor bilden. Es gibt nicht überall englische Speisekarten bzw. Aushänge, dafür aber oft Bilder oder Plastikvarianten der Gerichte im Schaufenster. Die Bilder wollen einem weis machen, dass man von dem abgebildeten satt würde – weit gefehlt. Japan hat eine große Bonsai-Tradition, nicht nur bei Bäumen auch beim Kochen! Daher tun wir gut daran, gleich mal 4-5 Gerichte zu bestellen. Bei Grünzeug (Gemüse, Salat, Obst) hat man sich in Japan Samuel Hahnemann, dem Erfinder der Homöopathie, zum Vorbild genommen – die Potenzierung des Nichts wird auch beim Preis konsequent durchgehalten. Nichtsdestotrotz gibt es zahlreiche sehr leckere Gerichte und natürlich ist Sushi immer eine sichere Bank. Besonders wenn es am Band daher kommt, löst sich das Problem mit dem Satt-Werden bzw. verschiebt sich an die Kasse. Günstig und gut sind die Ramen Suppen mit viel Reisnudeln, eine der wenigen Quellen für Kohlehydrate in Japan. Angenehm ist übrigens auch, dass grundsätzlich für nix Trinkgeld erwartet wird, da kann man dann auch nichts falsch machen. Beim Verlassen des Restaurants, welches in den meist offenen Küchen von jedem Angestellten bemerkt wird, schallt es einem ein vielstimmiges und vielfach wiederholtes ‚Arigatō gozaimasu ‚ (vielen Dank) unter tiefen Verbeugungen hinterher, man fühlt sich tatsächlich geehrt ob der Aufmerksamkeit, eine der schönen Traditionen in Japan.
Running Sushi im Bahnhof von Kyoto: Nur durch geduldiges Schlange-Stehen vor der Tür sind die begehrten Plätze zu ergattern.
Beide Städte sind bekannt durch ihre Burgen aus dem 16. Jahrhundert und ihre Gärten. In Okayama geht es viel beschaulicher zu als z.B. in Hiroshima. Öffentliche Grünflächen sind aber auch hier rar. Die eigentlich wunderschöne Landschaft mit zahlreichen dicht bewaldeten Hügeln und Bergen, die sich aus einer Ebene steil erheben ist großflächig verunstaltet. Man kann wirklich von einem Häusermeer sprechen, als wäre alles eine große Wasserfläche mit schönen Inseln, in der aber unendlich viele und ausgesprochen hässliche Häuser schwimmen.
Himeji, Blick von der Burg
Nur die kleiner Stadt Kurashiki in der Nähe von Okayama macht hier eine Ausnahme, es gibt ein Viertel mit alten und wirklich hübschen Holzhäusern mit einem Kanal und ein paar Bäumen. Trotzdem gibt es weder am Wasser noch sonst Sitzgelegenheiten oder ein Cafe. Man muss akzeptieren und sich abfinden damit, dass die Japaner das ‚draußen sein‘ nicht ausstehen können und es nur ganz wenige westliche Touristen gibt, die da dagegen halten würden. So ist jedes Lokal, ja sogar die dünnwändigen Teehäuser, klimatisiert und oft fensterlos. Besonders Japanerinnen vermeiden jeglichen Kontakt mit Sonnenschein, mit armlangen weißen Handschuhen, Sonnenschirm oder Hut. Ansonsten laufen sie in langen Kleidern und Hosen herum, völlig anders designed als bei uns, aber oft sehr chic. Es gibt aber auch Kleidungsstücke, die eher eine Melange aus kariertem Sack und Bademantel sind – für die nicht mehr ganz jungen Frauen.
Die Burg in Okayama ist ganz nett, wird aber von der in Himeji deutlich in den Schatten gestellt. Wir sind auf der Durchreise nach Kyoto hier ausgestiegen , haben die Rücksäcke in ein Schließfach gepresst und sind zur Burg gelaufen, die nicht weit vom Bahnhof über der Stadt thront. Das Bauwerk ist auf einem Sockel aus mächtigen Steinen vollständig aus Holz errichtet, obwohl 6 Stockwerke hoch. Es wird zentral von zwei mächtigen Baumstämmen gestützt und ist mit einer großen Zahl wuchtiger Balken gebaut, die jedweden Angriff in dieser Zeit standgehalten haben – sogar den 2. Weltkrieg hat die Burg unbeschadet überstanden, aber das war eher Glück, denn der Rest der Stadt wurde ziemlich vollständig zerbombt.
Die Burg in Himeji
von innen
Impressionen aus dem Garten Kuko-en mit Teehaus in Himeji
Man muss sagen, es gibt auch einiges was nervt. Gut, man kann nicht erwarten, dass die Japaner ihr kunstvolles Gekritzel durch schnöde Buchstaben ersetzen, aber dass Google Translator dabei so vollständig, umfassend, total versagt, die Zeichen zu übersetzen, ist schon überraschend – offenbar ist das Japanische der künstlichen Intelligenz eine Nummer zu groß. Das Problem dabei: Es gibt NICHTS zu kaufen, was nicht bis zur Unkenntlichkeit in mehrere Lagen Plastik eingeschweißt, gewickelt, gefaltet und geklebt ist. Der Inhalt bleibt also dem Leseunkundigen im wahrsten Sinne des Wortes verschlossen. Immerhin gibt es vereinzelt Bananen, Äpfel und Trauben in transparentem Plastik, die kosten dafür aber pro Stück soviel wie bei uns das Kilo. Ein völliges Rätsel bleibt dagegen die Sauberkeit der Straßen und Plätze angesichts dieser Verpackungsorgie und der gleichzeitigen Abwesenheit jeglicher Mülleimer im öffentlichen Raum.
Das Päckchen Trauben 6€
Das absolute Highlight zum Thema Verpackung sind die sehr beliebten und überall erhältlichen Reis-Dreiecks-Snacks (Onigiri). In einer Handvoll Reis befindet sich ein wenig Fisch, Seetang, oder gänzlich undefinierbare Geschmackszutat, eingewickelt in ein Nori-Blatt. Trotz des meist fischigen Inhalts liegt das Haltbarkeitsdatum 4 Jahre in der Zukunft. Völlig ungenießbar für die Japaner wäre es aber schon nach einem Tag, würde sich das knusprige Nori-Blatt mit der Feuchtigkeit des Reisbällchens vollsaugen. Die einzige Lösung liegt in der Vollendung der Verpackungstechnik, die es (wenn man den Aufreissfaden korrekt nutzt) mühelos erlaubt, die Umverpackung gleichzeitig mit der Folie die zwischen Nori-Blatt und Reis liegt in einem Zug wie ein inverses Origami auseinander zu ziehen. Dann bleibt nichts an den Fingern kleben und die Gaumenfreuden werden nur noch von der Bewunderung japanischer Verpackungskünstler getoppt.
Natürlich haben wir Hiroshima besucht, weil hier die erste nukleare Bombe zur Vernichtung einer Stadt abgeworfen wurde. Dieses Ereignis ist nach über 70 Jahren durch die ikonografische Ruine der ehemaligen Handelskammer sowie die Gedenkstätten und das Friedensmuseum bedrückend spürbar. Es scheint für Japan insgesamt das zentrale Element der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu sein. Der Friedenspark mit seinen Mahnmalen wird nicht nur von Touristen, sondern besonders von zahlreichen Schulklassen täglich besucht. Das Andenken an die 140.000 unmittelbaren Opfer in Hiroshima steht dabei im Vordergrund und ist stark verbunden mit dem Appell zum Frieden und zur nuklearer Abrüstung. Kaum ein Thema ist indes die Frage, welche Schuld japanische Politik und Militärs an dieser Apokalypse tragen. Im Friedensmuseum sind eine Vielzahl von einzelnen Schicksalen nachgezeichnet und mit unsäglichen Bildern und Exponaten verknüpft. Die perfide Taktik war, die Stadt von konventionellen Luftangriffen zu verschonen um eine präzisere Auswertung der Explosionswirkung zu erhalten. Die Bevölkerung war vollständig ahnungslos, da es keinerlei Warnung gegeben hatte, auch dies, um den Schrecken zu potenzieren. Ob die Opfer von Hiroshima und Nagasaki letztlich dazu beigetragen haben, dass die Atommächte eine Eskalation militärischer Gewalt mit nuklearen Sprengkörpern bisher vermieden haben?
Miyajima
ist eine bergige, vollständig bewaldete und von mehr zahmen Rehen als Menschen bevölkerte Insel in der Bucht von Hiroshima. Außerdem gibt es zahlreiche, tödlich giftige, Japan-Vipern – auf den Warnschildern. Die höchste Erhebung ist der Berg Misen mit 535 m, den man auf drei verschiedenen Wegen sowie mit einer Seilbahn erreichen kann. Wir sind, typisch deutsch, gelaufen und leiden ob der 2000 Stufen auf dem Weg runter an einen leichten Muskelkater ;-). Auf der Insel gibt es mehrere berühmte Schreine. Leider war eines der Wahrzeichen Japans, das Tor Itsukushima, wegen Renovierung verhüllt, trotzdem ist diese Insel ein bezaubernder Ort und wird zu den drei schönsten Landschaften Japans gezählt.
Die Rundumsicht vom Berg Misen
Der Daishoin Tempel, ein entrückter Ort im Wald.
Der Herbst beginnt und vereinzelt, noch zaghaft, zeigt sich die bezaubernde Laubfärbung der japanischen Ahornbäume, die so winzige Blätter haben, als wären sie allesamt Bonsai-Kunstwerke. In Japan fällt ja vieles aus Platzmangel zwei Nummern kleiner aus als bei uns, Zimmer, Autos, Japaner, …
Kein Ahorn, aber dafür schon jetzt zur Jahreszeit passend farblich gestaltet
In manchen Ryokans gibt es (optional) ein Abendessen, welches die Hausfrau selber zubereitet. Hier haben wir eine völlig unbekannte drei Sterne Köchin entdeckt. Serviert wurde in einem Raum mit einem niedrigen Tisch und zwei beinlosen Stühlen, also eigentlich nur einer Rückenlehne mit dünnen Kissen. Die Gastgeberin klopft an und öffnet die Schiebetür aus Reispapier, verbeugt sich tief um dann auf Knien herbeizurutschen um den nächsten Gang aufzutragen, zu erklären und sich wieder mit wortreichem Gemurmel zu verabschieden. Die einzelnen Gerichte sind in hübschen Schüsselchen oder speziellen Gefäßen dekoriert. Manches ist – obwohl vorzüglich – nicht zu identifizieren, wildes Berggemüse, Quallenstreifen (?) … Nach vier Gängen sind wir der Meinung: Nu is aber gut, man wäre jetzt eigentlich satt. Die Rechnung war aber ohne die Wirtin gemacht, die jetzt erst so richtig aufdreht. Mit einem Stövchen wird der 7. Gang auf dem Tisch gegart, zarte Rindfleischstreifen mit diversen Beigaben. Den 8. und 9. Gang zwingen wir uns unter Höflichkeitsfloskeln auch noch hinunter, der 10. Gang, das Obst kommt mit auf’s Zimmer. Eigentlich hätten wir eine Sänfte für den Weg ins Bett benötigt.
In den japanischen Alpen leben wilde Makakken, außerdem gibt es zahlreiche heiße Quellen – was liegt also näher als sich im Winter in dem warmen Wasser aufzuwärmen. Im Herbst allerdings sind die Affen nicht so blöd wie die Menschen, sich in die heiße Brühe zu legen, sie kommen aber trotzdem gerne, da sie die, von den Mitarbeitern des ‚Parks‘ ausgestreuten Reiskörner schätzen und sorgsam Korn für Korn (beidhändig gleich geschickt) als Snack verputzen. Es sind bestimmt über 100 Affen zugegen, allesamt selten entspannt, die Besucher kaum zur Kenntnis nehmend. Die Menschen werden gebeten, einen Meter Abstand zu den Affen zu wahren, die Affen werden umgekehrt darum nicht gebeten… Es ist ein wildes Treiben, besonders die Kleinen balgen sich unentwegt zu zweit, zu dritt, zu viert, ein ganzes Knäuel Affenbabies – wenn sie nicht gerade von der Mutter gelaust und gesäugt werden. Überhaupt sind alle ständig mit der gegenseitigen Fellpflege beschäftigt, das wohlige Gefühl derer, die gerade behandelt werden, ist ihnen ins Gesicht geschrieben.
ist ja schon viel gesagt und geschrieben worden, aber es selbst zu erleben, ist doch noch einmal was ganz anderes. Bei > 310 km/h möchte ich mich gerne anschnallen, gibt aber keinen Gurt. Die Ruhe bei dem Tempo ist beeindruckend, den Gegenzug oder die Einfahrt in einen Tunnel spürt man fast nicht.
Video-Schnipsel einer Shinkansen-Fahrt
Alle Züge, von den SuperExpress Shinkansen bis zu den Vorort-Zügen und U-Bahnen, müssen wohl von einer zentralen Atomuhr millisekunden- und millimeter-genau gesteuert werden. Verbunden mit der sprichwörtlichen Disziplin der Fahrgäste scheint es niemals Verspätungen oder gar Ausfälle zu geben. Es gibt ein paar Indizien wie das möglich gemacht wird:
Alle Shinkansen Linien fahren auf aufgestelzten Trassen auf die niemals ein Baum fällt oder ein anderer Zug im Weg sein könnte (was allerdings sehr auf Kosten der Ästhetik geht, das liegt den Japanern beim Bauen aber generell nicht sehr am Herzen)
Die Bahnhöfe sind 4-gleisig, so dass Express Züge mit vollem Tempo auf den mittleren Gleisen durchbrausen, währen die ’normalen‘ Linien an den Bahnsteigen halten.
Die Züge fahren so oft, dass niemand gehetzt und in letzter Sekunde die Tür blockiert, weil die Oma noch gerannt kommt. Man wartet einfach ein paar Minuten und nimmt den nächsten.
Jeder hat seine Platzkarte mit der Wagennummer, an der Bahnsteigkante sind die Wagennummer notiert und Wartezonen pro Tür aufgemalt. Jeder stellt sich so hin, dass es beim Einsteigen kein Gedrängel gibt – in 60 Sekunden längstens sind alle draußen und die anderen drin.
Die Züge fahren immer vom gleichen Gleis, es gibt keine Verwirrung wo was lang geht (außer dem Linksverkehr…)
Pünktlichkeit ist in Japan anders definiert als bei der Deutschen Bahn (< 6 Minuten Verspätung = pünktlich), das halten < 80% der Züge ein. Beim Shinkansen halten im Schnitt 100% der Züge eine Pünktlichkeit < 60 Sekunden ein (Naturkatastrophen ausgenommen).
Wir haben übrigens einen Japan Rail Pass für drei Wochen (500€), mit dem man das gesamte Netz* der japanischen Staatsbahn befahren darf und kostenlos Plätze im Shinkansen reservieren kann, bei überaus freundlichen Mitarbeitern an den Ticket-Schaltern (die reichlich vorhanden und vollständig besetzt sind). Armes Deutschland, du Service Wüste!
* Nachtrag: Im Westen von Japan gilt der JR Pass nicht für die Nozomi Züge, das wäre ja weiter kein Problem, wenn nicht 9 von 10 Zügen Nozomi Züge sind…. Die fahren z.B. zwischen Osaka und Tokio etwa alle 10 Minuten, die anderen etwa stündlich. Man hat sich halt an das ‚S-Bahn Gefühl‘ gewöhnt und ist jetzt enttäuscht, wenn man länger als eine 1/4 Stunde warten muss.