Koyasan

Koyasan ist ein Wallfahrtsort mit jahrhundertealten Klöstern. Koyasan liegt in einer dicht bewaldeten Bergregion, mit der Bahn über eine verwegene Strecke in zwei Stunden von Osaka zu erreichen. Die letzte Etappe geht es mit einer Standseilbahn steil nach oben, bevor man die letzten Kilometer noch mit dem Bus fahren muss. Wir haben uns auf Empfehlung für das Kloster Muryoko-in entschieden um dort zwei Tage an dem Klosterleben teilzuhaben. Hier wird vieles geteilt und gemeinsam gemacht, trotzdem haben wir ein großes eigenes Zimmer, dessen Wände aber nur simuliert werden und tatsächlich aus Papier bestehen. Onsen und Toilette sind einen Stock tiefer. Das Onsen ist aber nur abends geöffnet.

Es gibt ein gemeinsames, traditionelles Abendessen für alle Gäste, eine bunte Mischung aus fast allen Kontinenten. Die Speisen sind nach buddhistischer Lehre ‚rein‘, d.h. enthalten nichts, wofür ein Tier hätte leiden oder sterben müssen sowie keine Zwiebeln oder Knoblauch.

Früh um 6 beginnt der Tag mit einer Zeremonie, an der die Gäste teilnehmen dürfen. Alle Mönche versammeln sich und beginnen mit den Mantras, kurze aber oft wiederholte, halb gesungen, halb gemurmelte Wortfolgen. Im Altarraum sitzen erhöht der Vorbeter und rechts und links von ihm zwei Zeremonienmeister des Feuers. Sie entzünden Holzstäbchen und geben verschiedene Räucherzutaten hinein, mit denen die Hindernisse auf dem Weg zur Erleuchtung symbolisch verbrennen. Irgendwann werden wir aufgefordert, an den einzelnen Statuen vorbei zu defilieren, und die Buddhisten unter den Gästen sprechen jeweils ein Gebet und verbeugen sich. Zum Schluss wird uns, auf einem Hocker sitzend, der Rücken abgetrommelt und endlich sitzen wir wieder auf den Stühlchen und verfolgen das Ritual bis zum Ende, eineinhalb Stunden. Um 8 gibt es gemeinsames Frühstück, ähnlich zusammengesetzt wie das Abendessen. Ein aus der Schweiz stammender, polyglotter Mönch erklärt uns verschiedene Aspekte des Klosterlebens. Was uns erstaunt hat, ist, dass das Kloster quasi in Familienhand geführt und an den ältesten Sohn weitergegeben wird. Die Mönche sind verheiratet und es leben auch Nonnen im selben Kloster. Alle Novizen müssen eine universitäre Ausbildung vorweisen um dann im Kloster erstmal ganz einfache Aufgaben zu übernehmen, z.B. das Servieren des Essens. Meditieren ist die zentrale Aufgabe der Mönche, um die profanen Dinge, wie Einkaufen, Kochen, etc. sollen sie sich nicht kümmern. Die Spenden an die Mönche sind auch keinesfalls als Almosen aufzufassen, sondern zeugen vom Altruismus und der Großzügigkeit des Spenders, einer zentralen Tugend im Buddhismus. Der Mönch erfüllt nur seine Pflicht, indem er die Spenden annimmt.

Das Programm der Gattin sah dann noch vor, auf einem Pilgerweg durch die Berge zu wandern. Weder der Rat des Mönchs, sich die Schildkröte zum Vorbild zu nehmen (schön langsam machen, dann lebt man länger), noch die Ausläufer eines Taifuns konnten daran etwas ändern.

Der Friedhof in Koyasan, Okunin, ist der älteste und berühmteste Friedhof Japans. Er liegt in einem Tal inmitten eines mächtigen Zedernwalds und hat über 200.000 Grabstätten. Der Weg durch den Friedhof mit seinen verwitterten und von Moos überwachsenen Grabmalen erstreckt sich über 2 Kilometer, eine Oase der Ruhe und des Gedenkens, wären nicht auch hier schon die unsäglich knatternden und stinkenden Laubbläser eingeschleppt worden, wie eine Seuche des 21. Jahrhunderts. Der Weg endet an einem heiligen Tempel. Hier wird für die Verstorbenen eine Laterne aufgehängt, die – wir sind in Japan – mit LEDs leuchten. In einer, man muss es so nennen, Lagerhalle hängen die Leuchten dicht an dicht. Aber jede Laterne hat ihren eigenen Spruch für den Verstorbenen.

Es gibt auch einen modernen Friedhofsteil, baumlos, steril, aber mit protzigen Grabmalen für jeden, der es in Japan zu was gebracht hat, Politiker, Künstler, reiche Leute…