Um den Nationalpark besuchen zu können, muss man entweder um 7 mit dem Bus fahren oder sich ein Auto mieten, denn es sind ca. 120 Km von Puerto Natales zu fahren. Tatsächlich gelang es uns, spontan ein Auto zu organisieren; der 6. Anruf war ein Treffer, und mittlerweile können wir sogar die notwendige Kommunikation komplett in Spanisch abwickeln. Schon die Fahrt zum Nationalpark durch die endlosen Weiten der Pampa (Argentinien ist nur einen Steinwurf entfernt) mit den rötlichen Farbtönen der Gräser und der glasklaren Luft ist großartig schön und lässt sich kaum in Fotos bannen, da bräuchte man schon ein ganze Wand mit Fototapete.
Produktpiraterie gibt es nicht nur in Asien, auch in Chile begegnet man ihr. Was den Chilenen als Torres del Paine verkauft wird, ist aber zugegeben ein ziemlich gelungener Nachbau der Drei Zinnen in den Dolomiten. Trotz der langen Anfahrt, teilweise auf Schotterstraßen, blieb genügend Zeit für eine Wanderung an der Laguna Azul und einige Stops für die herrliche Aussicht. Überall trifft man auf Herden von Guanacos, die gar nicht scheu sind und nur ca. 3m Abstand einhalten wollen.
In der Magellanstraße liegt die kleine, unbewohnte Insel Magdalena mit einem Leuchtturm und tausenden Seevögeln. Mit einem alten, ausgedienten kleinen Fährschiff sind es zwei Stunden Fahrt von Punta Arenas. Unterwegs sehen wir allerlei Getier, besonders spannend ein paar Toninas (Weißbauchdelfine), weiß-schwarz gefleckte Delfine, die wie kleine Orkas aussehen. Neben den unvermeidlichen Möven haben Skuas, Kormorane und besonders viele Magellan Pinguine diese Insel belagert um zu brüten und ihre Jungen groß zu ziehen. Die Besucher werden von Parkwächtern bzw. Guides instruiert, den Rundweg nicht zu verlassen und keine Pinguine anzufassen (was denen wahrscheinlich gar nicht so unangenehm wäre, würde man an der richtigen Stelle kraulen). Scheu sind sie jedenfalls gar nicht, liegen manchmal mitten auf dem Weg und gehen kaum einen Schritt zur Seite. Aber die Insel ist keineswegs ein Paradies, sondern bietet einen beinharten Einblick, wie es in Wirklichkeit in der Natur zugeht. Die Skuas haben hunderte junge Möven getötet und das Fleisch heraus gefressen. Etliche Jungtiere, auch manche Pinguine sind am Verhungern, weil die Eltern abhanden gekommen sind oder ihre Jungen verstoßen haben. Das Beobachten der Pinguine aus allernächster Nähe ist aber einmalig, das Betteln der Jungtiere, gegenseitiges Putzen, die Begrüßungs- und Paarungsrituale, das drollige Watscheln vom Strand zur Nisthöhle. Eine Stunde haben wir Zeit, bei bestem Sonnenschein und absoluter Windstille – das sind schon außergewöhnliche Bedingungen für diese Gegend – letzte Woche hatte es noch 125 km/h gestürmt und auch 180 km/h können zumindest im Winter vorkommen. Und nochmal haben wir richtig Schwein gehabt – eine Kreuzfahrt, 3 ½ Tage durch die Kanäle Patagoniens zu den Gletschern des Campo Hielo, Last Minute, für weniger als die Hälfte des normalen Preises bei Buchung über das Internet ergattert.
Früh um 8 werden wir in unserem Hostal zu der Tour nach Feuerland abgeholt, Paula, unsere Reiseleiterin spricht gut Englisch, schafft aber in Spanisch erheblich mehr Silben pro Sekunde. Der Fahrer Alfredo bemüht sich kaum, auch mal zu Wort zu kommen. Da wir die ersten sind, haben wir außer der optimalen Platzwahl auch noch das Vergnügen einer Stadtrund- oder Irrfahrt, bis alle 15 Teilnehmer gefunden und in den Bus gepfercht sind. Zum Fährhafen ist es nicht weit und wir setzen nach Porvenir über, mit 7000 Einwohnern der größte chilenische Ort auf Feuerland. Wir besuchen ein kleines Museum zur Geschichte Feuerlands welches u.a. einige Schädel und eine komplette Mumie von Ureinwohnern, den Selk’nam, ausstellt. Eine traurige Geschichte, wie die Ureinwohner im 19. Jh. systematisch von den Schafzüchtern und den eingeschleppten Krankheiten ausgerottet wurden. Das Mittagessen in einer der primitiven Hütten war von der Kategorie ‚very local‘, aber an diesem abgelegenen Zipfel der Erde ist das völlig ok. Das eigentliche Ziel, die einzige Kolonie der Königspinguine auf dem ‚Festland‘ ist noch über 100 Km Schotterstraße entfernt. Dort befindet sich ein kleines Besucherzentrum und es sind zwei Aussichtsplattformen hinter Brettern erbaut, von denen man die Pinguine gut beobachten kann, ohne dass sie sich gestört fühlen. Es sind schon ein paar Küken geschlüpft und die vom letzten Jahr mausern sich gerade, um ihr flauschiges Daunenfell gegen die wasserfesten Federn zu ersetzen. Gerade kommen drei Altvögel vom Fischen zurück über die Wiese gewackelt und begrüßen ihre hungrigen Partner und Küken. Ein ganzes Jahr müssen sie abwechselnd auf die Kleinen aufpassen oder Futter beibringen. Heute weht ein richtig warmer Wind und man könnte meinen, dass es den Pinguinen jetzt echt zu heiß ist. Auf jeden Fall sind sie äußerst hübsch anzusehen und durch die aufgestellten Teleskope auch ganz genau zu beobachten, hat man sich in der Schlange geduldig und erfolgreich angestellt.
Die Weiterfahrt geht in einem weiten Bogen durch die karge subarktischen Landschaft über 130 Kilometer zur schmalsten Stelle in der Magellanstraße, wo wir mit einer Fähre in nur 20 Minuten wieder auf dem ‚Kontinent‘ sind. Unterwegs sehen wir viele (wilde) Guanacos und Nandus und besichtigen noch eine Geisterstadt, die von dem berüchtigten Schafsbaron Mendez erbaut wurde. Zwei alte Kähne rosten am Strand beeindruckend vor sich hin. Schließlich kommen wir in der Abendsonne um 9 Uhr zurück nach Punta Arenas – ein echt langer, schöner Tag mit vielen Eindrücken vom südlichen Ende der Welt, aber auch über 400 Km Autofahrt.
Der Flug nach Punta Arenas war spektakulär schön, bei bestem Wetter hatten wir eine großartige Aussicht auf die Inseln und Kanäle Patagoniens, die Gletscher des Campo Hielo und den Nationalpark Torres del Paine.
Punta Arenas, die südlichste Großstadt der Welt, ist schwer gezeichnet von den Unruhen. In der Innenstadt sind praktisch alle Geschäfte, Banken, öffentliche Gebäude mit Holz- oder Wellblechtafeln vernagelt. Etliche eingeschlagene Fensterscheiben und völlig ausgebrannte Häuser wirken beklemmend. Am Strand zur Magellanstraße ein anderes unwirkliches Bild: Hunderte Badegäste am Strand und nicht wenige davon im Wasser, keine Ahnung wie warm oder kalt das ist, aber die Sonne wärmt doch kräftiger, als wir es erwartet hätten, die Kormorane jedenfalls sonnen sich lieber. 2020 jährt sich die Entdeckung der Verbindung von Atlantik zum Pazifik durch Magellan zum 500. mal, dessen Flotte, zwar unter großen Verlusten, die erste Weltumseglung glückte. Wir haben in einem kleinen Reisebüro eine Tagestour nach Feuerland gebucht, das liegt auf der anderen Seite der Magellanstraße, 2 Stunden mit der Fähre entfernt.
Heute haben wir am Flughafen in Puerto Montt wieder mal erlebt, dass der Mensch Fehler machen darf, ohne dabei gemaßregelt zu werden. Das Taschenmesser im Handgepäck wurde entdeckt und wir sahen es schon in der transparenten Box der verbotenen Sachen verschwinden, aber der Beamte war so nett, vorzuschlagen, doch nochmal zum Check In zu gehen – und tatsächlich haben sie den Rucksack wieder herausgetragen und ich konnte das Messer retten. Auch Flüssigkeiten sind bei Inlandsflügen kein Problem, sogar eine offene Flasche Öl darf im Handgepäck befördert werden. Das wäre zwar dem Flughafenpersonal egal, aber außer der Sicherheitskontrolle, gibt es ja noch einen Hygiene- und Verpackungsdrachen mit uneingeschränkten Vollmachten, den Inhalt aller Gepäckstücke betreffend. Wunder über Wunder.
Parkplatzsuche in Puerto Montt: In bester Innenstadt-Lage ein freier Platz, das kann nicht erlaubt sein, sonst wäre der Platz besetzt. Gegenüber ein grünes Fahrzeug der Carabiniere. Fragen kostet nichts… Ja, wir können da stehen bleiben – ist das legal – nein – ach so, na dann
Nun sind wir doch ausreichend lang in dieser Gegend gewesen. Aber man gewinnt auch viele Einblicke, die bei kurzer Durchreise verborgen bleiben. Drei Tage waren wir in der wunderbaren Cabana Rincon. Mit dem Fernseher im Frühstücksraum haben wir unser Spanisch verbessert und dies und das erfahren, was in diesem Land gerade so passiert. Der Tourismus in der Region ist dieses Jahr um 80% eingebrochen. In Puerto Varras würde man in einem normalen Sommer von den Feriengästen erdrückt werden und kein Zimmer wäre ohne vorherige Reservierung mehr zu bekommen – Glück für uns! Wir haben in der Unterkunft weniger als ein drittel des normalen Preises (bei Booking.com) gezahlt. Und nebenbei war das Essen auch noch umsonst, es wächst nämlich direkt vor der Tür – Muscheln, die sich nicht an die Netze der Farm sondern an den Schotter in der Bucht geheftet haben und bei Ebbe eimerweise eingesammelt werden können.
Sogar der Eintritt in den Nationalpark Alerce Andino wurde uns erlassen. Die Alercen, eine Zypressenart, sind vom Aussterben bedroht, als eine von zwei Baumarten weltweit. Wir haben bei einer 4 stündigen Wanderung eine 1000-jährige, riesige Alerce gesehen, einen mächtigen Wasserfall und einen entrückten Bergsee. Außerdem war die Zufahrt ein Schmankerl für Freunde des 4×4 Antriebs und der Parkplatz-Fuchs war wieder enttäuscht, dass wir kein Fuchsfutter dabei hatten.
Die letzte Sitzung bei Claudia ist absolviert, alle Wurzeln wieder verfüllt, der Mahindra wehmütig zurückgegeben und morgen werden wir aufbrechen nach Punta Arenas.
Gestern haben wir den Tages-Rucksack mit Tablet und Kamera darin beim Mittagessen in einem belebten Restaurant vergessen und es erst Stunden später am Abend bemerkt, sofort angerufen, nix gefunden. Der Abend und die Nacht waren echt frustrierend. Heute sind wir wieder nach Puerto Varras in das Restaurant gefahren um nochmal persönlich nachzufragen, vergeblich. Danach haben wir zur Sicherheit in dem Café vorbeigeschaut, welches wir gestern auch noch besucht hatten. Die Chefin verstand unsere Frage und begann eine längere Erklärung, der wir nicht wirklich folgen konnten – bis sie sich umdrehte und den Rucksack unter der Treppe hervorzog. Vor lauter Glück, erst mal hinsetzen und tief durchatmen! Im Nachhinein war die Ursache ein klassischer Protokollfehler – beide gleichzeitig auf dem Klo, anstatt, wie sonst immer nacheinander, mit einem Verantwortlichen für die Sachen… Und lehrreich war auch das völlige Versagen der Erinnerung, die uns vorgaukelte, den Rucksack 100%ig im Restaurant vergessen zu haben und keinesfalls danach im Café. Jetzt können wir auch unsere schöne Cabana genießen, die ein paar Kilometer außerhalb von Puerto Montt direkt am Meer liegt, wunderbar gemütlich eingerichtet ist und es gibt sogar Illy Cafe zum Frühstück. Und wir sind immer noch nicht in Patagonien, weil diese Woche für eine Wurzelbehandlung drauf gegangen ist, bei der sehr liebenswerten und ebenso umsichtigen Zahnärztin Claudia. Aber der Flug nach Punta Arenas ist gebucht, übermorgen geht es nach Süden zu den Gletschern und Pinguinen!
Die Insel Chiloe ist die zweitgrößte Insel in Chile. Sie liegt südlich von Puerto Montt und ist mit einer kurzen Fährverbindung zu erreichen. Die berühmt-berüchtigte Panamericana ist über die Insel geführt (und alle paar hundert Meter steht ein Totenmarterl). Nach einer Fahrt durch Sturzbäche von oben erreichen wir die Fähre und bleiben die ganze Überfahrt im Auto sitzen. Kurz nach der Ankunft in Chiloe ändert sich das Wetter auf dem Weg nach Ancud binnen Minuten zu strahlendem Sonnenschein. Wir bleiben über Nacht in einer spektakulär schön gelegenen Cabana auf einem Hügel in der Nähe von Ancud. Die Hütte in Form eines Ikosaeders hat zwei Ebenen mit dreieckigen Scheiben im Dach und sogar einen Holzofen mit dem wir es uns bullig warm und gemütlich machen. Nachdenklich stimmt allerdings, dass die Nachbarhütte abgebrannt ist…
Am nächsten Tag fahren wir zu einer Kolonie von Humboldt- und Magellan-Pinguinen auf den Puñihuil Inselchen, die man von einem kleinen Boot aus beobachten kann – aber es gibt auch eine Menge anderer Vogelarten z.B. Rabengeier, Riesendampfschiff-Enten (kein Witz), Chile-Pelikane und natürlich jede Menge Möven und Kormorane und auch ein paar Seelöwen. Die vielen Touristen werden professionell und originell an dem flachen Sandstrand in die Boote verladen, ohne dass man dabei nennenswert nass wird.
Die Weiterfahrt nach Castro, der Inselhauptstadt, wird erstmal jäh durch einen quer auf der Fahrbahn liegenden LKW gestoppt, aber ein freundlicher Chilene bietet sich an, ihm zu folgen, um auf abenteuerlichen ‚Feldwegen‘ die Unfallstelle zu umfahren – wiedermal rettet uns der Allrad-Antrieb. In Castro haben wir ein Zimmer in einem typischen Stelzenhaus, Palafito, welches direkt am Ufer einer Bucht liegt.
Vor der Terrasse schwimmen zahlreiche Schwarzhals-Schwäne und nebenan gibt es eine hervorragende Cevicheria.
Nach einer Stunde Fahrt auf einer kurvigen Landstraße kommen wir kurz vor Schließung im Nationalpark Chiloe an, trotz der begrenzten Zeit, die wir hier nur haben, ist die Wanderung durch das dichte Gestrüpp aus Myrtenbüschen, Moosen, Farnen und einer großen Zahl nie gesehener blühender Sträucher sehr eindrücklich.
Und in der Nacht schüttet und stürmt es, dass die Bude wackelt, wie bei einem Erdbeben,
Für das Wetter können sie ja nix und gänzlich überrascht sein darf man auch nicht, dass es in Patagonien regnet. Aber sonst hellt es sich langsam auf. Wir haben bei unserer ‚Autovermietung‘ den alten (indischen) Mahindra Allrad schon zweimal verlängern können, wahrscheinlich will den sonst wirklich niemand. Er fährt aber nicht schlecht auch wenn manchmal alle Instrumente ausfallen, die Zentralverriegelung nicht mehr aufmacht oder der Allradantrieb sich nicht mehr abschalten lässt. Für unsere Tour von Puerto Varas um den Vulkan Calbuco und den Nationalpark Alerce Andino, teilweise auf sehr ruppigen Schotterstraßen ist es genau das richtige Gefährt. In Ensenada hatten wir eine Cabaña direkt am See mit Blick auf den Osorno, in Cochamó ein rustikales, aber sehr geschmackvolles Hostal mit grandiosem Blick auf den Fjord Reloncavi, in Puelo wieder eine Cabaña am Fluss und zum Schluss ein Zimmer im Hostal Mozart. Überall wurden wir sehr freundlich empfangen. Die Verpflegung ist üppig (und relativ günstig), besonders der Lachs, im Fjord gezüchtet, wird in allen Variationen, als Ceviche, geräuchert oder gegrillt angeboten. Immer mal wieder werden wir von Chilenen auf deutsch angesprochen, Leute, die für deutsche Firmen gearbeitet haben oder deutsche Vorfahren haben, freuen sich, deutsch sprechen zu können und erzählen interessante Geschichten und wir bekommen Einblick in den Alltag hier. Am redseligsten aber sind die deutschen oder österreichischen Auswanderer, ohne Punkt und Komma kauen sie einem das Ohr ab, das ist manchmal ganz schön anstrengend! Von dem schon ziemlich alten Enkel des berühmten deutschen Patagonien-Forschers Fritz Reichert werden wir im Dorfladen von Puelo angesprochen – der Name war uns aus einem Museum über die Pioniere in Patagonien in Petrohue am Lago todos los Santos noch in Erinnerung. In den heißen Quellen von Ralun war das Feeling auch wieder ‚very local‘, man setzt mit einem Bootchen über den Rio Petrohue, läuft noch ein paar Minuten am Fluss entlang und kommt dann an ein paar sandige Löcher am Flussufer in denen eine tiefgraue (vulgo dreckige) Brühe mit Badewannentemperatur steht – zum säubern kann man sich aber in den (kalten) Fluss stürzen. Einen Abstecher haben wir zum Lago Tagua Tagua gemacht, einem einsamen Bergsee, an dem die Straße endet und eine kleine Fähre die wenigen Autos und Wanderer aufnimmt, um sie noch etwas tiefer in die Wildnis zu bringen, auf Wanderwegen kommt man dann sogar bis nach Argentinien. In dem kleinen Dorf Puelo fand gerade ein Skulpturen-Wettbewerb statt, aus massiven Baumstämmen wurden mit (gesponsorten) Kettensägen tolle Motive modelliert.