Wir haben für die nächsten beiden Tage eine Unterkunft in
den Bergen, nahe des berühmten Mount Yasur gebucht. Wenn man der Beschreibung
in Booking.com glaubt, dann… tatsächlich aber ist die Strohhütte ohne Strom, ohne
Wasser, ohne Klo auf einem Hügel im Dschungel gelegen mit fantastischem Blick über
den dichten Wald hinweg direkt auf den Vulkan. Selten hatten wir eine so gigantische
Lage, sogar aus dem Bett sieht man direkt auf den Kraterrand, aus dem ständig
Wolken unterschiedlicher Färbung herausquellen. In Abständen donnert es von dem
Berg herüber und in der Nacht ist das orange Glühen dieser Wolken vor dem
klaren Sternenhimmel ein grandioses Schauspiel.
Mount Yasur
Vom Bett aus gesehen
Weil dieser Vulkan so spektakulär ständig aktiv ist, sind entsprechend viele Touristen auf der Insel. Die Tour zum Berg ist – fast in japanischem Stil – perfekt organisiert und geradezu unverschämt teuer. Dafür wird noch eine Tanz-Show geboten und der Häuptling des Dorfes erteilt den vielleicht 50 Touristen aus aller Welt noch seinen Segen. Der Aufstieg zum Krater ist ein Witz, nachdem alle auf der Ladefläche mehrerer Pickups ganz dicht herangefahren wurden. Der Krater ist aber wirklich einmalig. Es gibt mehrere, unterschiedlich gute Aussichtspunkte, von denen aber nur diejenigen besucht werden können, die nicht gerade von den ätzenden, heißen Schwaden eingenebelt werden. Sehr tief unten befinden sich 4 Löcher aus denen die Gase unter hohem Druck entweichen und dabei immer wieder Lavafetzen in die Luft schleudern. Ab und zu kommt es zu heftigeren Ausbrüchen, mit Donnergrollen fliegen dann hunderte größere und kleinere Fladen weit in die Höhe und verteilen sich rund um die Krater. Was tagsüber schon faszinierend ist, wird nach Einbruch der Dunkelheit zu einem apokalyptischen Spektakel am Eingang in den Höllenschlund. Wir waren am ersten Abend fast eine Stunde in dem stürmischen Wind am Kraterrand gestanden und doch schien es kurz, als wir wieder in die Jeeps getrieben werden. Am nächsten Abend haben wir die Tour wiederholt, in der Hoffnung zu den Aussichtspunkten auf der gegenüberliegenden Seite gelassen zu werden, was tatsächlich der Fall war, da die zweite Crew etwas laxer bezüglich der Gefahren durch die Gase war. So standen wir dann zuweilen in den heißen Dämpfen, mit tränenden Augen durch die Asche und Schwefeldämpfe, aber glücklich noch etwas näher dran zu sein. Ein großartiger Ausbruch, bei dem die Lava bis in Höhe des Kraterrands, wahrscheinlich über 200 m in die Höhe geschleudert wurde und wie in Zeitlupe wieder in dem Schlund verschwand. Zurück am Besucherzentrum ließen wir uns mit Kisans Pickup wieder zu unserer Unterkunft fahren, da wir im Finstern nicht die halbstündige Abkürzung durch den Dschungel suchen wollten. Die Strecke querte zwei tief eingeschnittene trockene Bachbetten und war so ziemlich das Wildeste, was wir je mit einem Jeep gefahren sind. Ich habe mich auf der Rücksitzbank in die Mitte gesetzt und die beiden Griffe im Dach rechts und links wie ein Gibbon benutzt, um nicht gegen das Chassis oder gleich ganz aus dem Wagen geschleudert zu werden. Hier in den Bergen von Tanna braucht es eine gewisse Robustheit zum Überleben.
Die Insel Tanna, im Süden von Vanuatu gelegen, auch mit einem aktiven Vulkan, ist touristisch besser erschlossen. Gleichwohl wurde uns erzählt, dass die Hunde auf Tanna sehr hungrig seien und von den Einheimischen lieber gegessen als gefüttert werden… Am 31.10. wollen wir weiter nach Fiji, sollten wir den Kontakt mit den ehemaligen Kannibalen heil überstehen.
Tanna wird mit einem ‚richtigen‘ Flugzeug angeflogen, auch ist außer der Landebahn noch eine Straße weitgehend asphaltiert. Unsere erste Nacht verbringen wir in einer kleinen Bungalowanlage, hübsch gelegen auf einem felsigen Plateau knapp oberhalb der Küste. Direkt vor uns befindet sich ein sogenanntes Blue Hole, mehr dazu später. Der nächste Tag beginnt mit einem Besuch in einem ‚Kastom Village‘, nach einer Fahrt mit dem Jeep in die Berge werden wir von einer in Bastumhang bekleideten jüngeren Frau erwartet. Miriam spricht nicht nur gut Englisch, sondern hat auch Geschick, uns mit der hier angesagten Bemalung im Gesicht aufzuhübschen. Dann geht es hinunter durch den Wald, mit zahlreichen Erläuterungen zu den Nutzpflanzen und Bäumen bis wir zur einer Platz mit einer Kochhütte kommen, in der für uns von anderen Frauen ein Laplap zubereitet wird, die in Vanuatu verbreitete auf heißen Steinen gegarte Pampe aus geriebenen Kochbananen, Taro und Kokosraspel, verfeinert mit spinatartigem Grünzeug aus dem Wald. Es ist ein bisschen wie Schuhbeck im Fernsehen, alles liegt bereit und jedes Stadium der Zubereitung ist auf wundersame Weise in 0,nix fertig und wir können natürlich aus dem bereits fertigen Paket kosten.
Weiter geht es zum Versammlungsplatz der Männer, auf denen uns der Häuptling vorgestellt wird, dessen (20 Jahre jüngere) Frau Miriam fleißig übersetzt. Die Männer tragen ein klein wenig Bast um die Lenden und einen Penisköcher. Der Medizinmann, ein schon etwas angegrauter älterer Herr, erklärt, wie er mit Hilfe eines scharfen Bambusmessers offene Knochenbrüche flickt und als Beweis wird uns eine der Frauen vorgeführt, die sich als Kind den Arm gebrochen hatte. Nun kommt noch ein Tanz zur Aufführung, dann dürfen wir aus den Souvenirs auswählen und das übliche Gästebuch fehlt auch nicht. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob das hier jetzt ein Freilichtmuseum oder die Realität ist… Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, denn auf die Frage, woher das Dorf wusste, dass wir kommen würden, meinte unser Fahrer ganz lapidar, er hätte sie gestern am Handy angerufen. Naja und unten an der Hauptstraße sieht man niemanden im Baströckchen, alle tragen T-Shirts und kurzer Hosen. Trotzdem war das recht beeindruckend und die zahlreichen Kinder waren ja auch durchaus echt.
Zwei Tage später, zurück aus den Bergen kam uns die Unterkunft am Meer gleich richtig komfortabel vor und wir bekamen einen Kaffee, konnten uns duschen und die klebrige Mischung aus Mangosaft und Vulkanstaub aus der Wäsche waschen lassen. Und dann war da noch das Blue Hole, ein größeres Loch im Riff vor unserem Bungalow zu dem man bei Ebbe zu Fuß laufen kann und dann buchstäblich wie in ein Aquarium hineinspringen. Eine großartige Fülle von Korallen und Fischen erwartete uns, so waren wir ewig im Wasser und haben besonders lang die krass bunten Clownfische in ihren Seeanemonen aus nächster Nähe beobachten können. Zum Glück war der giftigen Seeschlange* der Sinn heute nicht nach weißem Touristenfleisch, so konnten wir unbehelligt den Pool wieder verlassen und die Weiterreise nach Fiji antreten. * Nattern-Plattschwanz
5 Stunden Verspätung und ein verpasster Anschlussflug nach Tanna sind ja erstmal kein Grund zur Freude aber das Schicksal kann sich überraschend wenden und dann wird doch noch eine Geschichte daraus, die sich zu erzählen lohnt:
Nachdem wir den Supervisor am Flughafen gefunden hatten und unser Problem vorgetragen haben, wurden wir umgebucht auf den nächsten Tag und aufgefordert in der Halle zu warten, bis er einen Transport in unser, von Air Vanuatu gebuchtes Hotel organisiert hat. Da saßen wir nun und sahen zu, wie sich die Halle mit dem letzten Flugaufruf leerte und schließlich kam eine Mitarbeiterin und fragte, ob es uns gut gehe – scheinbar wollte sie zusperren und war etwas irritiert. Dann kam Bewegung in die Sache, es fuhr ein Van vor, der uns mitnahm. Der Beifahrer konnte allerdings die Frage, in welches Hotel wir gefahren würden nicht beantworten, das kläre sich noch unterwegs. Wir wurden dann in das Melanesian Hotel gebracht, welches absolut über unserem üblichen Budget rangiert. Nach 5 Tagen authentischer Eingeborenen-Hütte im Dschungel kam das große, blitzblanke Hotelzimmer mit Blick auf den Pool fast einer Erlösung gleich – Dusche und Klo funktionierten auf Anhieb und vor dem Balkon begann eine Gruppe Musiker Einheimisches darzubieten. Wir konnten unseren Essensgutschein einlösen und uns an dem üppigen Buffet laben. Zuvor aber wurden wir mit dem, aus Rauschpfeffer gebrauten Getränk Kava versorgt – ein Witz, dies in einem offensichtlichen Touristenressort zu bekommen, anstatt in einer finsteren Hütte auf Ambrym, wo wir es eigentlich erwartet hätten. Ein, zwei Schluck und Zunge und Lippen werden pelzig bis leicht taub, weitere Wirkungen sind die Linderung von Angstzuständen, Verlust der Bewegungskontrolle und Gesprächigkeit. Plötzlich erschienen uns fast nackte Wilde mit fürchterlichem Kriegsgeheul, rasselnd, stampfend ihre Waffen schwingend, tanzten um unseren Esstisch, auf dem das Fleisch von Flughunden lag. Sodann stiegen zahlreiche Nixen in den Pool und begannen ein wildes Geplansche. Langsam begann die Wirkung nachzulassen und wir spülten den bitter-erdigen Geschmack noch mit einem Cocktail von der Bar hinunter… Die Tickets von Air Vanuatu sind zwar nicht billig, aber dafür die Extras Spitzenklasse!
Jeder grüßt freundlich und winkt, jedes Auto hält an und wir werden gefragt, wohin wir wollten um dann mitfahren zu können.
Schwätzchen halten: Die Menschen in Vanuatu sind sehr kommunikativ und neugierig, wir werden oft auf der Straße angesprochen und nach den ersten Standardfragen, how long in Vanuatu?, where are you from? entwickelt sich manchmal ein intensives Gespräch über Gott und die Welt (im wahrsten Sinne des Wortes). Gleich zu Anfang kommt das Gespräch auf die Chinesen, die hier ein unglaublich mieses Image haben und dann auf das Versagen der Politik, den Ausverkauf des Landes an China zu stoppen. Oft geht es nahtlos zu Hitler über; hier besteht massiver Aufklärungsbedarf (der ist übrigens schon lange tot und war ein schlimmer Mann). Sprachlich ist die Verständigung meist auf hohem Niveau möglich, inhaltlich ist schwer zu beurteilen, ob die Einheimischen uns wirklich glauben, dass Schule und Uni nichts kosten und die Deutschen eine Kranken- und Rentenversicherung, dafür aber kaum Kinder haben.
Polyglott: Es gibt in dem kleinen Dorf eine französische und eine englische Schule. Eine von beiden Sprachen beherrscht jeder, natürlich zusätzlich zu Bislama, der Amtssprache und natürlich der lokalen Muttersprache. Vanuato hat die höchste Sprachendichte der Welt, wenn man Wikipedia glauben darf.
Ein Lehrstück an Nachhaltigkeit: Wir staunen über die umfassende Nutzung der Naturprodukte durch die Einheimischen. Im Dschungel werden z.B. essbare (und sehr gut schmeckende) Farne gesammelt, die Vielfalt der Bäume beschert eine stetig wechselnde Versorgung mit frischem Obst, gerade fallen reife Mangos kiloweise von den Bäumen. Muss ein Sack zugebunden werden, greift man sich schnell eine Schlingpflanze, entfernt die Blätter und hat ein perfektes Seil. Der Plastik- Glas und Blechmüll hat auch hier Einzug gehalten, jedoch in sehr geringem Maße. Nur sehr wenige Nahrungsmittel werden ‚importiert‘, hauptsächlich Reis, Kekse und ein paar Fischkonservendosen. Ambrym ist sicher der am nachhaltigsten bewirtschaftete Flecken Erde, den wir je besucht haben. Ein Ammenmärchen ist aber, dass die Klobürsten auf Büschen wachsen.
Nach dem Frühstück fahren wir mit Sam’s Pickup und zahlreichen Jungs auf der Ladefläche los zum Ausgangspunkt der Wanderung. Die Hauptstraße ist ein ausgewaschener Feldweg, manchmal geradeaus und flach, manchmal aber so steil und über Wurzeln und Felsen, dass der Allradantrieb im ersten Gang mit Sperrdifferential notwendig werden. An einigen besonders steilen Stellen wurde der Weg betoniert und wir treffen auch auf eine Baustelle, wo die Arbeiten noch im Gang sind. Ein Betonmischer und eine Rüttelplatte sind die einzigen motorisierten Werkzeug, alles andere ist Handarbeit, z.B. das Ausgraben eines riesigen Wurzelballens einer Kokospalme, die im Weg war. Der letzte Teil der Fahrt geht durch ein trockenes, sandiges Flussbett, bis eine Felsstufe den Beginn der Wanderung markiert. Unser Guide Talie spricht etwas Englisch, unsere Träger sind Philip und Terter, beide Mitte 20 und alle drei richtig lustig drauf, wobei man den Eindruck hat, dass die beiden Träger sich besonders über Talie amüsieren können, aber er ist der Chef und geht voraus, die Spinnweben und andere Hindernisse mit der Machete aus dem Weg räumend. Hier kommt ein autorisierter Einschub über die Vorteile, die Emanzipation nicht zu weit zu treiben. Talie befindet, dass die Träger meinen Rucksack tragen werden und ich dafür Susi von ihrem Gepäck befreie… Da außer unseren Sachen noch ein Zelt, Isomatten, zahlreiche Konservenbüchsen und 2 Reissäcken noch 10 Liter Wasser zu transportieren sind, haben die beiden Jungs ordentlich Gewicht auf den Schultern und tragen noch in beiden Händen ihr eigenes Zeug. Es geht zunächst durch das Flusstal weiter und wir tauchen ein in eine unwirkliche Kulisse, rechts und links des Flussbetts ragt fast senkrecht der Urwald in die Höhe, Baumfarne dominieren wie mit großen Sonnenschirmen die undurchdringliche Vegetation. Auf dem Weg geht es immer wieder über geschliffene Basaltfelsen, aber dann führt der Weg zum ersten Mal direkt in den Dschungel und wir steigen auf einem schmalen Trampelpfad in die Höhe, ab und zu durch tief eingefurchte Bachbetten. Das Grün schließt sich über uns. Natürlich ist es so heiß und feucht wie in einem Dampfbad. Nach eineinhalb Stunden machen wir Mittagspause um uns für den nun steilen Anstieg zu stärken. Für uns ist völlig unvorstellbar, wie die drei Jungs in Flipflops unterwegs sind und wenn es schwierig wird sogar lieber barfuß gehen. Der Pfad führt nun auf einem schmalen Grat entlang, der uns die Aussicht auf den Dschungel von oben und das im fernen Dunst liegende Meer freigibt. Nach dreieinhalb Stunden und ca. 700 hm sind wir am Zeltplatz angekommen. Es gibt einen großen Unterstand mit Tischen, Bänken und einer Feuerstelle sowie zahlreichen aufgestellten Töpfen, die das Regenwasser vom Dach auffangen. Unser Zelt wird auf einer perfekt ebenen Sandfläche aufgebaut. Das Klo ist sehenswert ob seiner Absurdität, aber leider gibt es kein Foto: Die Schüssel war mal auf zwei Balken über einer Grube im Wald gestanden. Nachdem die Balken zusammengebrochen sind (=> Plumpsklo) steht es nun ebenerdig und wartet hoffentlich vergeblich auf Benutzer.
Falls es regnen sollte, wachsen hier genug Regenschirme
Nach ausreichend Pause beginnen wir mit Talie den Aufstieg zum Krater des Benbow Vulkans. Nach dem kurzen Anstieg über eine Sanddüne ändert sich die Landschaft radikal. Eine Ebene aus schwarzem Sand und erstarten Lavaflüssen erstreckt sich vor uns und ganz in der Ferne liegen die dampfenden Krater. Immer wieder wird das Schwarz der vulkanischen Asche von grünem Moos unterbrochen, was sich wie Inseln ausbreitet und auch senkrechte Flächen besiedelt, die nicht vom Regenwasser weggespült werden. Wir marschieren in strammem Tempo und erreichen nach einer Stunde den Fuß des Kraters. Zum Kraterrand sind es nochmal ca. 200 hm in der prallen Sonne und es geht teilweise durch den weichen Sand, also etwas anstrengend. Als der Blick von einer auf die andere Sekunde in den riesigen Krater fällt ist das aber schnell vergessen. Geschätzt 2-3 Km Durchmesser und etliche 100 m misst dieses dampfende Rund. Wir haben viel Zeit zum Staunen, da Talie beschlossen hat, uns erst morgen zu dem anderen Krater zu führen. Der Rückweg ist in der Abendsonne eine leichte Übung und Talie erzählt eine Geschichte nach der anderen, deren Inhalt sich uns aber nicht immer komplett erschließt, das mag an seinem Englisch liegen oder daran, dass wir die Gedankengänge dieser Kultur einfach nicht erfassen können.
Zum Abendessen haben Philip und Terter einen großen Topf
Reis gekocht und in einem weiteren Topf eine Pampe aus Nudelsuppentüten,
Makrelen- und weiße Bohnen Dosen mit ein paar Zwiebeln. Es schmeckt besser als
es aussieht und die Alternativen auf der Speisekarte waren sehr überschaubar.
Die Nacht im engen Zelt war hart, heiß und stickig, bis wir das Überzelt
aufgemacht haben. Außerdem war noch ein bissiger Hundertfüßer hineingelangt,
aber es gab hier oben keine Kakerlaken, keine Ratten und nur wenige Mücken,
dafür aber einen überwältigenden Sternenhimmel aus dem es wundersamerweise ab
und zu leicht regnen konnte.
Nach einem ‚Kaffee‘ ging es früh um 7 los zum Krater Buluso, der noch jüngeren Datums ist. Die tief hängenden Wolken vermischten sich mit den Dämpfen aus den verschiedenen Rissen in der Erde zu einer spektakulären Stimmung. Der Aufstieg war leicht, aber das Gelände um den Krater voller Spalten und Abbrüche, sodass wir nochmal eindringlich gewarnt wurden, uns nur in Talies Nähe aufzuhalten und – sollte ein Erdbeben oder anderes Unerwartetes passieren – wir auf sein Kommando hin sofort um unser Leben zu laufen hätten, ohne noch irgendwelche Fotos anzufertigen. Der Krater war ähnlich groß und aktiv wie der Benbow, jedoch die Wände fast senkrecht und der Kraterrand so rissig, dass man glaubt, darauf warten zu können, dass sich große Felsstürze ereignen würden. Die Farben der Ausdünstungen waren vielfältig, besonders auffällig war, dass sich auf allen Schlackebrocken, die sich in der Umgebung türmten auf der, dem Krater zugewandten Seite eine weiße harte Schicht gebildet hatte, so dass je nach Blickrichtung ein völlig anderer Eindruck entstand.
Um 10 gab’s das Mittagessen, welches in der ungekochten Variante des Abendessens bestand (Reis war noch genug übriggeblieben). Der Abstieg war nicht minder schweißtreibend, da die Jungs ja jetzt weniger zu tragen hatten, ging es entsprechend flott bergab. Kurz nach Mittag waren wir wieder unten und warteten erschöpft und froh es geschafft zu haben auf den Pickup für die Fahrt zurück in Sam’s Doppelhüttenhälfte, deren anderer Teil nun von einem deutlich jüngeren französischen Pärchen bewohnt wurde. Allerdings fiel deren Toleranz gegenüber den Kakerlaken keineswegs höher aus. Wir haben sie damit getröstet, dass ihr Zeltplatz am Berg für die kommende Nacht in dieser Hinsicht echt besser sei. Ach ja und ich habe zwei kleine Verletzungen an Bein und Fuß, die sich eitrig entzündet haben. Über den Grad der hieraus drohenden Lebensgefahr bestanden zeitweilig unterschiedliche Einschätzungen. Bei Erscheinen weiterer Blogeinträge hat sich wahrscheinlich die eine Einschätzungen als zutreffender erwiesen.
Als wir aus dem Flieger aussteigen werden wir von einer netten Frau angesprochen, die sich als Sam’s Frau Elena vorstellt. Sam lädt gerade das Gepäck aus dem Rumpf. Nachdem die Twin Otter wieder in der Luft ist, geht es mit Sam’s Pickup (eines von 17 Fahrzeugen auf der Insel) direkt in die Kirche, der Gottesdienst hat schon begonnen.
Sam ist ein Multitalent in Craig Cove, er ist vermutlich so eine Art Ortsvorsteher, 2. Prediger in der Kirche, Tourismusminister von Ambrym, Hotelier, Besitzer des einzigen Fahrzeugs im Dorf und zuständig für die Abfertigung der Flugzeuge von Air Vanuatu. Wir sind bei ihm in einem kleinen Hüttchen mitten im Dschungel untergekommen, etwas außerhalb vom Dorf Craig Cove, welches aber genauso vom Dschungel verschluckt liegt. Sam hat drei Söhne und zwei Töchter, die im Neuseeland bzw. Australien arbeiten. Er lebt hier mit seiner Frau Elena, zahlreichen Enkeln und weiteren Verwandten, ich glaube so um die 15 Familienmitglieder. Wir essen gemeinsam in einer großen offenen Hütte, die Männer und die Gäste am Tisch, Frauen und Kinder am Boden. Es gibt – extra für uns und weil Sonntag ist – ein Huhn (von denen es nur so wimmelt hier) und eine Spezialität, Laplap, eine Masse aus Kürbis und Papaya in Bananenblätter eingeschlagen und mit erhitzen Steinen beschwert in einer flachen Grube am Boden gegart. Erst werden Steine mit einem Holzfeuer erhitzt und dann auf die heißen Steine die Bananenblätter mit Inhalt gelegt. Auf jeden Fall ist es sehr lecker!
Von außen erheblich attraktiver als von innen
Rechts die Speisehütte
Am Nachmittag gehen wir ins Dorf bzw. zum Hafen. Es gibt tatsächlich einen Laden, der sogar (es ist Sonntag!) offen hat, bei dem wir uns mit Trinkwasser eindecken können. Das Leitungswasser sollten wir lieber nicht trinken, meint Sam, der übrigens vorzüglich Englisch spricht. Er organisiert für uns Guide und Träger, die uns morgen auf den Vulkan bringen sollen, mit Zelt-Übernachtung auf dem ‚Basecamp‘.
Des Nachts kreucht und fleucht dermaßen viel Getier vor der Hütte, in der Hütte und nur mühsam mit dem Mückennetz vom Bett ferngehalten, dass es uns schon etwas graust. Details über den Zustand des Bades verschweige ich.
Markt in Craig Cove
Mittwoch ist Markttag. Der Markt ist jedoch nur eine armselige Ansammlung von etwas Gemüse, Bananen, Papaya und Kokosnüssen, also den Produkten, die sowieso jeder hier im Garten hat. Aber am Mittwoch kommen die wöchentlichen Versorgungsschiffe, eines aus Port Vila, das andere von der Insel Santo und deshalb ist eine Menge los am Hafen, der wohl seit dem Zyklon Pam keiner mehr ist. Das Schiff hat eine Landungsklappe und fährt mit dieser auf den kleinen kiesigen Strand, der mit Menschen, Säcken, Tonnen und Kartons schon ziemlich voll ist. Das Aus- und Einladen geht zügig aber nicht hektisch voran. Einige Pickups nehmen die Waren auf, die nicht direkt für den Laden hier bestimmt sind. Überhaupt ist der Laden schon eine Schau – es gibt eine überraschend breite Palette an Produkten, von der Wärmflasche bis zum Zementsack. Über Solarmodule werden zwei Kühltruhen soweit vereist, dass darin Fische gekühlt gelagert werden können, sofern sie nicht sofort verkauft werden, ein kleiner Thunfisch mit 2,5 Kg geht für ca. 13 € über die Theke.
Ambrym ist eine kleine Insel, etwas abgelegen, mit zwei aktiven Vulkanen, die uns zu einem Besuch verlocken. Kürzlich wurde (nach langer Zeit) die Warnstufe um eine Stufe reduziert und wir hoffen, die Berge besteigen zu können, evtl. mit einer Übernachtung zwischen den Kratern. Es gibt in der Woche 4 ‚Flugverbindungen‘ mit einem Buschflieger (‚Twin Otter‘), der auf seiner Tour ein paar Inseln der Reihe nach abklappert. Wir haben mit Hilfe der Touristeninfo in Port Vila bei Sam vom 20.-25.10. fünf Nächte reservieren lassen. Er hat zwar eine Telefonnummer, aber viel mehr wissen wir nicht. Es könnte spannend werden, ‚very local‘, wie uns die Einheimischen aus Port Vila erklären, und Ambrym sei voll von schwarzer Magie…
Der Flug ist schon ein Abenteuer für sich, wir landen zweimal auf sehr kurzen Graspisten bevor wir in Craig Cove, unserem Ziel ankommen. Der Kopilot scheint noch eher am Anfang seiner Ausbildung, jedenfalls greift der Pilot korrigierend ein, als ihm der Anflug nicht passt und dreht noch eine extra Runde, um dann selber zu landen. In Craig Cove ist die Piste etwas länger und jetzt darf der Copilot landen.
Links über dem Scheibenwischer ist die Piste
Man beachte, dass Susis Rucksack im vorderen Stauraum für die Trimmung der Maschine ausgereicht hat! Übrigens ist die Maschine Baujahr 1980 und wurde bereits von Papua Neuguinea ausgemustert.
Unsere nächste Station ist die kleine Insel Moso nicht weit von der Hauptinsel Efate entfernt, auf die wir mit einem kleinen Boot übersetzen. Dort haben wir für 4 Nächte in dem ‚Resort‘ Tranquility Island einen Unterstand mit Bett darin und ein kleines gemauertes Bad dahinter mit einem putzigen kleinen eigenen Strand zwischen den Mangroven. Hier gibt es noch ein paar versteckte Hütten, für das Taucherequipment, das ‚Restaurant‘ sowie ein paar Hütten für die Angestellten. Es ist eine sehr familiäre, freundliche Atmosphäre, in der wir uns geborgen fühlen, denn ein bisschen Abenteuer ist das schon hier. Es gibt Regenwasser zu trinken, aber auch daraus zubereiteter Kaffee.
Ach und es gibt einen Wifi Hotspot am Strand… und die sagenumwobenen vanuatischen Kaninchenwolken.
Kurz hinter der letzten Hütte liegt eine Aufzuchtstation für die seltenen echten Karettschildkröten. Etwa die Hälfte der frisch geschlüpften Jungen, die aus den Nestern auf der anderen Inselseite ins Meer wollen, werden aufgesammelt und zwei Jahre in Tanks hochgepäppelt um dann mit ca. 30 cm Panzerbreite ins Meer entlassen zu werden. Mit dieser Größe werden sie nicht so leicht Opfer von Tintenfischen oder Barracudas. Angeblich schaffen 97% den Übertritt, verglichen mit Bayerns Grundschulen ein beachtlicher Erfolg.
Es soll eine Familie der seltenen Dugongs hier leben, eine Art Seekühe, die sich von Seegras ernähren, das besonders gut sprießt seit der letzte Taifun hier viele Korallen ruiniert hat – wir sind gespannt, ob wir das Glück haben werden, sie zu sehen. Bei unseren 4 Tauchgängen haben wir viele hübsche Fische und auch zwei Karettschildkröten gesehen. Besonders spannend war ein kleiner Krater am Meeresboden, aus dem heißes Wasser strömt, mit dem man sich in 20m Tiefe ein wenig aufwärmen kann. Die Korallenformationen und ihre Vielfalt mit harten und weichen Spezies sind sehr beeindruckend, auf der Südseite der Insel sind sie auch nicht vom Taifun beschädigt worden. Spektakulär sind die Höhlen durch die wir hindurch tauchen und die Überhänge, unter denen sich gerne große Fische verstecken, z.B. ein ziemlich großer Kuhschwanz-Stachelrochen und ein paar fette Lippfische.
We’re far from the shallow now
Mit Tommy, unserem Divemaster
Auf der anderen Inselseite, zum offenen Meer gelegen, gibt es eine große Bucht mit vorgelagertem Riff. Hier liegt Fred’s beach, eine knappe Stunde Fußmarsch durch das Dickicht der Insel. Der große Strand und ein paar Sandbuchten nebst einer großen Höhle gehören uns ganz allein, naja fast ganz allein, denn Socks und Boots, die zwei Hunde von Tranquility Island haben uns freudig begleitet. Nun liegen sie im Schatten der Felsen, an denen sogar Kapern wachsen und warten bis wir in dem Südsee-Kitsch Wasser fertig gebadet und ausgeruht haben.
Die Weiterreise nach Vanuatu war schon spannend. Dem Taifun sind wir um einen halben Tag zuvorgekommen, dann war da noch ein Erdbeben unweit von Tokyo, kurz nachdem wir abgehoben haben… In Fidschi (oder Fiji) mussten wir umsteigen nach Vanuatu (Port Vila). Auch hier hatten wir wieder Glück. Der Technik-Verantwortliche hatte die Normierung der Stromstecker in der Südsee falsch eingeschätzt und plötzlich waren wir von einem totalen blackout bedroht. Zum Glück fand sich auf dem Flughafen der passende Adapter und dieser Brandherd konnte schnell erstickt werden. Der Weiterflug nach Port Vila verzögerte sich, da in der Business Class etwas zu richten war. Gravierender war die Durchsage, dass wegen Überladung des Fliegers 29 Taschen wieder ausgeladen werden mussten. Man möge sich in Port Vila an den Gepäcksuchschalter wenden… Mit Anspannung verfolgten wir das Gepäckband nach der Ankunft in der Schlange vor dem(!) Grenzbeamten und tatsächlich tauchten unsere Rucksäcke nach geraumer Zeit von der kurzen Strecke zum Terminal von einem tropischen Schauer ein wenig gewässert auf dem Band auf, hinter ca. 20 riesigen schwarzen Taschen vermutlich einer Taucher Reisegruppe.
Der avisierte Abholer Carlo war zwar nicht aufzufinden, dafür aber andere Taxifahrer, die versicherten Carlo zu kennen und für die selbe Gesellschaft zu arbeiten. Es gibt ja nicht viele Flughäfen auf dieser Welt, auf denen man den Aussagen der Taxifahrer vertrauen kann, aber hier war es ‚ois isi‘.
Hier ist alles ganz anders als in Japan, nur der Wechselkurs ist sehr ähnlich und leider auch die damit verbundenen Preise. Wir haben eine süße Holzhütte in einem tropischen Wäldchen mit großem Bad im Freien. Es gibt wenige, nach Aussage der Chefin harmlose Mücken und sogar das Leitungswasser kann man trinken. Nach Sonnenuntergang werden die Zikaden eingeschaltet, aus Energiespargründen aber gegen 21 Uhr wieder abgedreht. Wir wohnen an der Ringstraße von Vanuatu, in etwa drei Kilometer Verlängerung von der Startbahn. (Vergleichbar mit Ikea in Freising), aber die Ruhe ist großartig (von kurzen Unterbrechungen durch die Übungen des hauseigenen Alleinunterhalters mit seiner Hammondorgel abgesehen). Hier ist alles viiiel l a n g s a m e r, das Internet, die Bedienung, das Wasser aus der Dusche. Es gibt eine vielfältige Speisekarte, aus der wir uns was spannendes bestellen, bis der Koch kurze Zeit später kommt und erklärt, dass leider alles aus sei, außer einem Reiscurry – naja, wir haben keine Wahl und setzen die Reisdiät fort.
Ganz in der Nähe befindet sich der idyllische Mele Wasserfall, mit einigen Badegumpen mitten im Urwald, zu denen man besser in Badesachen barfuß ‚wandert‘.
Unser Bungalow mit Außenbad
Später erfahren wir, dass der Wasserfall vom nahen Dorf Mele den Chinesen verkauft wurde, tragisch, denn die haben ihn eingezäunt, verlangen einen saftigen Eintritt von 16 € und sperren damit die Dorfgemeinschaft praktisch aus. Dies ist wohl kein Einzelfall im Südpazifik, auch mit zahlreichen Straßen- und anderen Infrastrukturprojekten wird massiv Einfluss ausgeübt, mit dem Ziel, in der Uno Stimmen der kleinen Pazifikstaaten zu kaufen, denn die zählen genauso viel wie jedes andere Land. Australien versucht dagegen zu halten und finanziert Krankenhäuser etc. Ein Wettrennen um Einfluss in der Region, dessen langfristige Folgen die Einheimischen nicht überblicken, wenn das schnelle Geld winkt.
Bevor wir Japan in Richtung Vanuatu, hoffentlich vor Eintreffen des Super Taifuns ‚Hagibis‘, verlassen werden, verbringen wir noch fast drei Tage in Tokyo. Highlights dieser Tage waren:
Die Hochhäuser in dem Viertel rund um den Bahnhof Shinjuku
Die Straßenkreuzung Shibuya in der Nähe des gleichnamigen Bahnhofs
Die Thunfischauktion im Großhandelsmarkt Toyosu früh um 5
Die Fahrt mit der Hochbahn Yurikamome und dem Wasserbus
Die Hochhäuser im Shinjuku Viertel sind architektonisch auffallend um Eigenständigkeit bemüht, keines gleicht einem anderen und jedes hat seinen Stil bzw. eye catcher, sei es in der Form, der Fassadengestaltung oder den verwendeten Materialien. Besonders gefallen hat uns der Sitz der Präfektur Tokyo (vulgo Rathaus) welches in Form eines Doppelturms von Kenzo Tange erbaut wurde und einen kostenlosen Zugang für die Öffentlichkeit im 45. Stock in 202 m Höhe bietet, mit atemberaubenden Rundumausblick.
Der Bahnhof Shibuya gilt als einer der verkehrsreichsten der Welt, an die drei Millionen Pendler kommen hier täglich aus einer der 9 verschiedenen Bahn- bzw. Metrolinien an. Berühmt ist die Kreuzung Shibuya, die in der Grünphase für die Fußgänger (in alle Richtungen gleichzeitig) von einer wahren Völkerwanderung überschwemmt wird.
Um 4 Uhr in der Nacht sind wir aufgestanden, um halb 5 mit dem Taxi quer durch Tokyo zum neuen Großmarkt Toyosu gefahren um rechtzeitig um 5 Einlass zu begehren. Anders als im Reiseführer beschrieben, gab es überhaupt keinen Andrang und wir konnten die Auktion, die etwa um halb 6 begann von einer Galerie (leider hinter Glas) mit bester Sicht verfolgen. Da noch eine geführte Reisegruppe kam, konnten wir die Kommentierung des Reiseleiters, der die Gepflogenheiten und Gesten bei der Versteigerung kannte mitverfolgen. Außerdem wurde über einen Lautsprecher die Tonkulisse der Halle auch auf die Galerie übertragen. Ein spannendes Spektakel, bei dem innerhalb von ca. 90 Minuten hunderte gefrorene Thunfische im Sekundentakt versteigert werden. Erschreckend aber auch, wenn man sieht, welche Mengen an Thunfisch hier täglich umgesetzt werden.
Die Fahrt mit der führerlosen Hochbahn Yurikamome über die Rainbow Bridge, eine große Hängebrücke, die die künstliche Insel Odaiba mit dem Festland verbindet gehörte zu unseren Highlights in Tokyo. Ich habe die Fahrt etwas beschleunigt, für die ungeduldigen Naturen…
anschließend sind wir noch mit dem Wasserbus (naja, eigentlich ein Touristenboot) von Odaiba den Fluss Sumida ca. 1 Stunde flussaufwärts bis zum Tokyo Sky Tree gefahren. Zahlreiche Wohntürme mit 20-30 Stockwerken säumen den Fluss, sicher nicht ganz billig, dort oben zu wohnen. In der ganzen Stadt wird fast jede Brücke renoviert und auf zig Baustellen neue Türme hochgezogen, Olympia 2020 wirft seine Schatten voraus.
Die Skyline von Tokyo, auch wenn man von der Freiheitsstatue rechts verwirrt sein könnte