Hakone und Gora

Hakone ist eine Region nicht weit vom berühmten Vulkan Fuji-san. Hier gibt es vulkanische Aktivitäten, ein Naturschutzgebiet und unwirkliche Stille. Wir nächtigen im teuersten Ryokan unserer Reise am See Ashi, mit Blick auf den Fuji – wenn da nicht die Wolken wären, aber es gibt Berichte, wonach der Fuji schon mal gesehen worden sein soll. Auf dem See fahren drei Geisterschiffe (mit Dieselantrieb) auf und ab, im authentisch-japanischen Piratenstil gehalten. Die Doppelmayr Seilbahn fährt leider im interessanten Abschnitt mit leeren Gondeln, weil die vulkanischen Aktivitäten so zugenommen haben, dass es jetzt nach Schwefel riecht, also zu gefährlich ist. Mit dem Bus kann man das Teilstück umfahren und erkennt, dass hier tatsächlich ‚was los‘ war. In großen Gebieten stehen statt Bäumen nur noch fahle Gerippe, auch nahe der Straße sind ganze Hänge verkohlt.

Das Wetter ist hier auch recht launisch, aber gar nichts lassen wir auf das Außenbecken des Onsens mit Seeblick im 5. Stock und erst recht nicht auf das Abendessen kommen, welches uns von zwei steinalten Hotelangestellten im Zimmer angerichtet wurde, ein Feuerwerk an feinst ziselierten Zutaten, Dekorationen und Geschmäckern. Nach eineinhalb Stunden Tafeln wird abgeräumt und anstelle des Esstisches die Futons im Zimmer ausgebreitet. Der kürzeste Weg ins Bett ever, lange nicht so lange und gut geschlafen!

Eine Nacht haben wir in dem, auf der anderen Seite des Vulkangebiets gelegenen Ort Gora verbracht. Er liegt an einem ziemlich steilen Hang und wird von einem zick-zack fahrenden Zug erschlossen, weil der nicht um die Kurve kommt. Auch für den Bus gibt es eine Drehscheibe am Bahnhofsplatz, weil nicht genug Platz zum Wenden ist. Außerdem fährt eine Standseilbahn durch den Ort, damit man nicht zu sehr schnaufen muss. Es gibt einen hübschen Park zum Verweilen, aber das eigentliche Highlight ist ein Open Air Museum für moderne Plastik, wunderschön in die Landschaft eingebettet, mit zahlreichen Skulpturen fast aller namhaften Bildhauer des 20. Jahrhunderts (soweit wir das als Laien beurteilen können).

Osaka

Osaka hat uns als zweitgrößte Metropolrergion Japans doch überrascht. Es gibt eine vielfältige und spannende Hochhaus-Szene inmitten zahlreicher Wasserwege. Aber noch erstaunlicher: An vielen Stellen der Stadt, insbesondere an den Kanälen, kann man sich beim Biertrinken oder Essen die klimatischen rauen Bedingungen von ca. 23° Celsius schutzlos zumuten – unerhört für die meisten Einheimischen, die es vorziehen im Inneren der Lokale bei ihren gewohnten 19,57834° das Tageslicht zu meiden. Und Lokale gibt es wirklich unzählige in unserem Viertel Nihombashi, von einfachen Pommesbuden bis hin zu Luxusschuppen, in denen jeder Tisch in einem separaten Zimmer steht, mit Fensterfront auf den Kanal. Einsamkeit und Platz sind eben der ultimative Luxus in Japan. Und noch etwas ist anders in Osaka: Hier schließen nicht alle Gaststätten und Geschäfte schon um 5 oder spätestens 6 Uhr, ja es geht sogar abends richtig lebendig zu in diesem Viertel der Stadt.

Insbesondere – wieder einmal – das Gebäude des Hauptbahnhofs, erst 2013 eröffnet, ist in vieler Hinsicht ein spannender öffentlicher Raum. Es erstreckt sich ein gewaltiger Baukörper mit viel Glas und Stahl über ein dutzend Ebenen, das Labyrinth der Metrogeschosse im Untergrund nicht mitgerechnet. Eine große Brücke überquert die Gleise, die Fläche wird gerade für eine Gartenschau genutzt. Weiter oben gibt es eine Dachterrasse mit Cafe und Laden und ganz oben, das Filetstück des Komplexes ist mit einem Gemüse- und Kräutergarten bepflanzt, auf einer Schräge wachsen zahlreiche Weinreben, Blumenrabatten und Bänke gibt es auch, aber keinerlei kommerzielle Nutzung. Der Blick gleitet von den tollen Hochhäusern in der Nähe bis in die weit entfernten Berge über die endlose bebaute Fläche mit über 17 Millionen Einwohnern.

Man kann sich in Osaka sehr gut die Füße wund laufen, das Netz des öffentlichen Nahverkehrs weist Lücken von der Größe eines Münchner Stadtviertels auf. Es gibt scheinbar keine Busse, nur ein Metrosystem mit einem Abstand der Stationen von ca. 2 Kilometer. Gut, dass wir morgen weiterfahren, um nahe des berühmten Bergs Fuji-San wandern zu gehen…

Radfahren wie zu Großvaters Zeiten

Absolut futuristisch, technisch perfekt ist das Bahnfahren in Japan – Radfahren und Fahrräder sind dagegen sowas von altbacken, ineffizient, lächerlich, dass man sich eher in Laos, denn in einer der führenden High-Tech Nationen der Welt wähnt. Ist nicht Shimano ein technologischer Vorreiter und Hersteller qualitativ hochwertiger Komponenten? Wo ist Shimano?? Was wir hier sehen, sind Räder die wir selber zu Schulzeiten gefahren haben, klassisches 70er Jahre Design (mit Seitenzug-Felgenbremsen und vielleicht sogar 5-Gang Schaltung) oder Hollandräder (teilweise schon mit E-Antrieb). Praktisch alle Räder sind falsch eingestellt, die Japaner sitzen wie der Aff auf dem Schleifstein, Knie an der Brust, Ellbogen mindestens 90° angewinkelt auf dem immer gleichen Satteltyp, 1 Kg Schaumpolsterung, und haben sichtlich Mühe, Fußgänger abzuhängen. Die Infrastruktur ist von gleicher Güte wie die Räder, keine oder nur bruchstückhaft angedeutete Radwege, fast keine Abstellplätze, etc. Dafür fahren die Radler gerne munter auf den Fußwegen, in unelegantem Slalom durch die Menge.

Gut, das war jetzt vielleicht etwas polemisch, aber nur ein bisschen… Immerhin, später in einem Fahrradgeschäft sehe ich, dass diese Räder neu für 8.900 Yen, also 75 € verkauft werden, da kann man nicht mehr erwarten.

Koyasan

Koyasan ist ein Wallfahrtsort mit jahrhundertealten Klöstern. Koyasan liegt in einer dicht bewaldeten Bergregion, mit der Bahn über eine verwegene Strecke in zwei Stunden von Osaka zu erreichen. Die letzte Etappe geht es mit einer Standseilbahn steil nach oben, bevor man die letzten Kilometer noch mit dem Bus fahren muss. Wir haben uns auf Empfehlung für das Kloster Muryoko-in entschieden um dort zwei Tage an dem Klosterleben teilzuhaben. Hier wird vieles geteilt und gemeinsam gemacht, trotzdem haben wir ein großes eigenes Zimmer, dessen Wände aber nur simuliert werden und tatsächlich aus Papier bestehen. Onsen und Toilette sind einen Stock tiefer. Das Onsen ist aber nur abends geöffnet.

Es gibt ein gemeinsames, traditionelles Abendessen für alle Gäste, eine bunte Mischung aus fast allen Kontinenten. Die Speisen sind nach buddhistischer Lehre ‚rein‘, d.h. enthalten nichts, wofür ein Tier hätte leiden oder sterben müssen sowie keine Zwiebeln oder Knoblauch.

Früh um 6 beginnt der Tag mit einer Zeremonie, an der die Gäste teilnehmen dürfen. Alle Mönche versammeln sich und beginnen mit den Mantras, kurze aber oft wiederholte, halb gesungen, halb gemurmelte Wortfolgen. Im Altarraum sitzen erhöht der Vorbeter und rechts und links von ihm zwei Zeremonienmeister des Feuers. Sie entzünden Holzstäbchen und geben verschiedene Räucherzutaten hinein, mit denen die Hindernisse auf dem Weg zur Erleuchtung symbolisch verbrennen. Irgendwann werden wir aufgefordert, an den einzelnen Statuen vorbei zu defilieren, und die Buddhisten unter den Gästen sprechen jeweils ein Gebet und verbeugen sich. Zum Schluss wird uns, auf einem Hocker sitzend, der Rücken abgetrommelt und endlich sitzen wir wieder auf den Stühlchen und verfolgen das Ritual bis zum Ende, eineinhalb Stunden. Um 8 gibt es gemeinsames Frühstück, ähnlich zusammengesetzt wie das Abendessen. Ein aus der Schweiz stammender, polyglotter Mönch erklärt uns verschiedene Aspekte des Klosterlebens. Was uns erstaunt hat, ist, dass das Kloster quasi in Familienhand geführt und an den ältesten Sohn weitergegeben wird. Die Mönche sind verheiratet und es leben auch Nonnen im selben Kloster. Alle Novizen müssen eine universitäre Ausbildung vorweisen um dann im Kloster erstmal ganz einfache Aufgaben zu übernehmen, z.B. das Servieren des Essens. Meditieren ist die zentrale Aufgabe der Mönche, um die profanen Dinge, wie Einkaufen, Kochen, etc. sollen sie sich nicht kümmern. Die Spenden an die Mönche sind auch keinesfalls als Almosen aufzufassen, sondern zeugen vom Altruismus und der Großzügigkeit des Spenders, einer zentralen Tugend im Buddhismus. Der Mönch erfüllt nur seine Pflicht, indem er die Spenden annimmt.

Das Programm der Gattin sah dann noch vor, auf einem Pilgerweg durch die Berge zu wandern. Weder der Rat des Mönchs, sich die Schildkröte zum Vorbild zu nehmen (schön langsam machen, dann lebt man länger), noch die Ausläufer eines Taifuns konnten daran etwas ändern.

Der Friedhof in Koyasan, Okunin, ist der älteste und berühmteste Friedhof Japans. Er liegt in einem Tal inmitten eines mächtigen Zedernwalds und hat über 200.000 Grabstätten. Der Weg durch den Friedhof mit seinen verwitterten und von Moos überwachsenen Grabmalen erstreckt sich über 2 Kilometer, eine Oase der Ruhe und des Gedenkens, wären nicht auch hier schon die unsäglich knatternden und stinkenden Laubbläser eingeschleppt worden, wie eine Seuche des 21. Jahrhunderts. Der Weg endet an einem heiligen Tempel. Hier wird für die Verstorbenen eine Laterne aufgehängt, die – wir sind in Japan – mit LEDs leuchten. In einer, man muss es so nennen, Lagerhalle hängen die Leuchten dicht an dicht. Aber jede Laterne hat ihren eigenen Spruch für den Verstorbenen.

Es gibt auch einen modernen Friedhofsteil, baumlos, steril, aber mit protzigen Grabmalen für jeden, der es in Japan zu was gebracht hat, Politiker, Künstler, reiche Leute…

Japanische Gärten

Die Gärten in Japan sind von besonderem Zauber. Die strengen Zen Gärten sind nur mit Kies und Felsen gestaltet, Pflanzen treten in den Hintergrund. Der ebene, schön gefurchte Kies symbolisiert das Meer mit seinen Wellen, aus denen sich Fels-Inseln erheben, wie eine ‚Bonsai-Welt‘. Ein besonderes Beispiel ist der Garten des Kongobu-Ji Tempels, Teil des ältesten Klosters in dem bedeutendem Wallfahrtsort Koyasan in den Bergen südlich von Osaka:

Kongobu-Ji in Koyasan
Garten in Matsushima

Eine andere Form der japanischen Gärten setzt auf Wasser und Moos als gestaltendes Element. Bäume, meist Kiefern, Zedern oder Zypressen werden stark geformt als Solitäre platziert. Natürlich darf auch der kleinblättrige Ahorn nicht fehlen. In den Teichen tummeln sich Koi Karpfen und den Hintergrund bildet oft ein dichter Wald um den Garten abzuschirmen und als in sich abgeschlossene Welt erscheinen zu lassen. Oft bildet das Zentrum des Gartens ein Teehaus oder ein Tempel.

Diese Gärten werden intensiv gepflegt, besonders die Bäume werden aufwändig in die gewünschte (krumme) Form gebracht und müssen regelmäßig zum Nadelschneiden.

Kobe Beef

Sorry, es geht schon wieder ums Essen, ist halt ein gewichtiger Aspekt eines Japan-Besuchs. Ort der Handlung: Ein winziges Restaurant in der schmalen Seitengasse Ponto-cho, irgendwo in Kyoto.

Das teuerste Rindfleisch der Welt. Ein 200 gr Steak (Sirloin) kostete in diesem Restaurant, in welchem wir heute diniert haben 33.000 Yen oder ca. 280 €. Im Kühlschrank lagern ungeheure Reichtümer, ganze kilo-schwere Brocken. Vermutlich zahlt der Schlachthof für so ein Rind 6-stellige Beträge. Da sind wir dann auf das ‚günstige‘ Wagyu Rind ausgewichen… Aber auch dieses Fleisch bestellt man besser nur in Sushi-ähnlichen Scheibchen und grillt es dann selber auf seinem eignen kleinen Gasgrill (der auch noch den Vorteil hat, der Klimaanlage ihre Grenzen aufzuzeigen) an der Küchentheke. Zuvor erfolgt die Unterweisung durch den Koch, der ja eigentlich ’nur‘ Metzger ist. Es gibt wahrscheinlich 20 verschiedene benannte Stücke vom Rind in dem Bestellsystem mit Touchscreen an jedem Platz, aber nur 1/3 davon war heute vorrätig, was aber mehr als ausreicht. Jeder Schnipsel Fleisch kommt mit einem Namensschild (nicht wie das Rind hieß, sondern das Fleisch). Die Qualität ist tatsächlich wie von einem anderen Stern, das Fleisch ist feinst marmoriert mit durchaus ordentlichem Fettgehalt, dafür aber so zart, dass man es mit den Stäbchen zerteilen kann. Fazit: Am besten isst man sich vor Besuch eines Steakhauses schon mal satt und lässt sich dann dort die köstlichen Stückchen zum Nachtisch auf der Zunge zergehen. Ein kulinarisches Erlebnis, da schaut selbst der Franzose alt aus.